Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2015

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Wunderkammer Alice T. Gottschalk, Raphael Mürle, Frank Soehnle

Ruth Zimmermann nahm es in ihrer Begrüßung vorweg: „Wunderkammer“ sei eine Art Synonym für die Idee des gesamten Figurentheater Festivals. Was das Vorstandsmitglied des Arbeitskreises „Pole Poppenspäler“ damit meinte, ist schwer in Worte zu fassen, erschließt sich aber umso eindringlicher, wenn drei virtuose „Strippenzieher“ wie Alice T. Gottschalk, Raphael Mürle und Frank Soehnle einen unscheinbaren Bühnenraum zum Schauplatz ihres poetischen Welttheaters machen. (…) Dann wurde es dunkel im Saal, tauchten die Zuschauer ein in ein Farbenmeer für die Sinne, einen Kosmos, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie aufgehoben waren, in dem gestaunt werden durfte, wie wir das als Kinder taten: ohne Hintergedanken – einfach so.
„Wunderkammer“ ist eine Art Gemälde, in dem einzelne Elemente zum Leben erwachen, sich aus dem Bildgrund lösen und für einen kurzen, magischen Augenblick verselbständigen. Da spielen zwei langfingrige, goldene Hände ungeniert in den Haaren einer Frau, geraten im Licht der Taschenlampe seltsam ätherische Wesen ins Blickfeld, die uns an die bizarre Lebenswelt der Tiefsee erinnern. Dieses Gefühl, sich tief unter der Wasseroberfläche zu befinden, wird dem Publikum übrigens allein durch die Gesänge von Buckelwalen und - ja, so einfach vermag Figurentheater Komplexes auf den Punkt zu bringen – Seifenblasen vermittelt.
So einfach geht es - scheinbar zusammenhanglos – weiter. Dem Komponisten Bradley Kemp kommt dabei die Rolle eines Zeremonienmeisters zu. Seine Musik breitet dem Geschehen auf der Bühne den Teppich aus, einen mystischen Klagteppich. Die Puppenspieler werden nur dann sichtbar, wenn die Zuschauer der Faszination erliegen, sich zu fragen, wie dieses ganze Panoptikum wohl zum Leben erweckt wird. Ansonsten bestimmt die magische Aura der Figuren das Geschehen.
Heiteres wechselt sich mit Besinnlichem ab, ohne dass dem Publikum überhaupt bewusst würde, dass es solche Unterschiede gibt. Vielmehr erscheinen ihm diese als unteilbare Bestandteile eines einzigen großen Lebensliedes. Fantastisch – auch und gerade in der Art der Figuren-Führung – das Zusammentreffen der Grundfarben Gelb und Blau. Zwei Leinwände, eine blaue Doppel-Maske und ein gelber Kopffüßler, halb Horst Antes, halb Carl Valentin, mehr braucht es nicht, um diesen Teil der Geschichte zu erzählen. Und wenn – nach vorsichtigem Herantasten an die (Lebens-)Welt des anderen – der gelbe Kopf mit der blauen Maske verschmilzt, bedarf es keines grünen Farbeimers um der Botschaft Nachdruck zu verleihen. Es reicht, zu staunen.
Köstlich auch ein zunächst unfreiwilliges, aber dafür später umso enthemmteres musikalisches Trio – bestehend aus einem Trommler, dessen Unterleib ein Topf sit, einem guten Streicher dessen körpereigener Resonanzraum aus einer verzinkten Wärmflasche besteht, und einer Bauchtänzerin, die lasziv Brüste und ein Becken aus Kuchenformen schwingt.
Ganz gleich, ob ein rührendes Scheren-Monster den Faden zu zerschneiden sucht, an dem es hängt, filigrane Figuren auf Wolken tanzen, ein abstraktes Gebilde durch die Anmut der Bewegung menschliche Züge annimmt der Mensch und Marionette ein wunderbares Pas de Deux hinlegen: In der „Wunderkammer“ wird die Einheit vor allem spürbar, zerfließen die Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst zugunsten eines großen, poetischen Gleichklangs, eines universellen Gemäldes, zu dem sich am Ende auf der Bühne alles zusammenfügt. Leises, aber ganz und gar großartiges Theater.
Rüdiger Otto von Brocken (Husumer Nachrichten vom 21. 09.2015)