Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2015

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Herrmann geht nach Engelland Hartmut Liebsch, Neuenstadt-Kochertürn

Es hätte ein durchaus prekärer Abend für Hartmut Liebsch werden können. Die Beleuchtung war dürftig, der Ton wollte so gar nicht mitmachen, die Bühne war zu tief um dem Puppenspiel einen heimeligen, atmosphärischen Rahmen zu geben. Aber selbst, als Liebsch für einen Moment die Stimmen der Protagonisten verwechselt, geht er mit Humor und Selbstironie darüber hinweg und entwickelt ein ambitioniertes Theaterstück, leicht erzählt, ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger.
Es ist 1941. Herrmann, gespielt von Liebsch selbst, befindet sich mit seinem Kaspertheater in Frankreich zur Truppenbetreuung, am Abend soll die Premiere stattfinden. Schnell wird klar, dass die Figuren ihre eigenen Charaktere haben, dem Geschehen eine eigene Wendung geben.
Das anrührende, „Lilli Marleen“-singende Krokodil, das durch Folter dazu verdingt wurde, abends Spitzelberichte an die Nazis zu schreiben. Der braune Kasper, ein strammer Parteigänger, der seine Mitstreiter wie Lakaien befehligt und „Tratratrallala“ im Stechschritt singt. Die Großmutter, deren Horizont über Kuchenbacken nicht hinausgeht und der Jude Levi Blauspan, der verfolgt wird, sich versteckt und über eine Flucht nach England nachdenken muss.
Von Anfang an zieht sich ein roter Faden durch das Stück, welches stringent durchdacht ist. Dabei ist es nicht belehrend, aber witzig, Wort- und auch spielgewaltig.
Als Kasper das Feindbild des Engländers, symbolisiert durch einen Regenschirm, niederprügelt, ihn unter derbsten Flüchen malträtiert und ihn angespitzt in den Boden rammt, wird klar: Das ist keine Spiel mehr. Es ist bitterböse und ausweglos. Für Levi Blauspan geht es nur noch um das nackte Überleben.
Mit „Herrmann geht nach Engelland“ haben die 32. Pole Poppenspäler Tage einen überzeugenden Kontrapunkt gesetzt. Keine Humoreske, keine Tragikomödie, kein poetisches Lehrstück. Nein, es ist noch nicht einmal eine Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich sondern eine bebende, grollende Parabel auf menschliche Unzulänglichkeiten und Freundschaft.
Torsten Zajwert