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Die Dicke spielt Medea Julia Raab, Halle a.S.

Eine Obdachlose Medea
Kann man das große universelle Medea-Thema integer und glaubwürdig darstellen als groteske Obdachlose mit Fettleibigkeit in einem Tutu? Julia Raab gelingt es und das ganze Publikum sieht atemlos zu wie die Dicke versucht klar zu kommen mit ihr Vergangenheit vor der auch sie nicht flüchten kann.
Die Dicke kommt von hinten in unser Leben und den Südflügel des Schlosses vor Husum, läuft nach vorne und stellt sich auf das Podest. Das Publikum schaut etwas unbehaglich zu, hinausekeln geht nicht und so kommen die nahe aber nicht vertraute Welt der Obdachlose und die ferne mythische Welt von Medea tief schürfend und beeindruckend zusammen auf der Bühne..
Julia Raab wird, auch in anderen Vorstellungen, die Dicke mit einer Maske und sogenannte Paddings unter ihren Kleidern. Sie seht so echt aus wie eine dicke Frau, dass die Dicke als Strassenact durch das Publikum kaum erkannt wird als Schauspielerin. Das bringt in ein Theatersetting das unbehagliche Gefühl: irgendwie stimmt was nicht. Das Publikum wird konfrontiert mit den eigenen Vorurteilen und Gefühlen.
Die Dicke wird für das Publikum zu einer richtig lebendigen Person. Julia Raab mit ihrer Maske lässt uns glauben dass sie wirklich von Draußen kommt. Sie zeigt uns mit gefundenen Spielzeugpuppen, einem Abendkleid und einem Tutu, ohne ein Wort zu sprechen ihr Trauma von Mord an Ihrem Mann und ihren Kindern wie ein Ritual das heilen muss. Aber für uns, das Publikum, wirkt das Ritual auch: Medea wird auch nur ein Mensch, und nicht nur das Böse. Diese Frau, mit Ihrem Hackenporsche, mit Plastiktüten und Requisiten, wie alten Barbiepuppen, ein Kassettenbandaufnamegerät, einem Tutu, und zwei Spielzeugpuppen zeigt eine überzeugende Medea des Jahres 2014 in einer Erzählung ohne Wörter.
Das Bühnenbild ist einfach mit einigen Paletten gestaltet. Drei Stative mit Ledspots erleuchten die ganze Bühne. Und die Begleitmusik kommt aus dem Kassettenspieler. Es seht sehr einfach aus, aber wirkt großartig und dramatisch.
Julia Raabs Vorstellung ist grotesk und klein und integer zugleich und alle spielerischen Qualitäten und Möglichkeiten werden optimal benutzt . Klasse!

Haye Bijlstra