Rückblick

30. Pole Poppenspäler Tage 2013

Der eingebildete Kranke
Ambrella Figurentheater, Hamburg

Die Bühne ist ein Thron. Der Sonnenkönig, Ludwig XIV. feierte die größten Feste, hatte die prächtigsten Kleider und wunderbarsten Feste und langweilte sich dennoch. Ein kleiner Krieg gefällig? Nein dann doch lieber ein neues Fest mit einer neuen Komödie, damit es etwas zu lachen gibt. Und wer soll sie schreiben? Natürlich, der gefragteste aller Komödiendichter Frankreichs: Moliére. Wen wird er diesmal aufs Korn nehmen? Die Würdenträger der Kirche? Nein lieber nicht – da hat es letztesmal schon so viel Ärger gegeben. Dann die Ärzte – sie haben ohnehin Glück, dass der König über eine ausgesprochen gute Konstitution verfügt. Sonst könnte er die Kuren, die sie ihm verordnen und die Heike Klockmeier nun beschreibt, kaum überleben. Für die Charaktere des neuen Stückes wählt Klockeiers Moliére Personen aus seiner persönlichen Geschichte als Vorbild: Argan und seine Tochter Angélique, die – der Vater will es so – den Sohn seines Arztes heiraten soll, aber in Cléante verliebt ist, das Dienstmädchen Toinette und natürlich auch der Leibarzt von Argan sowie die junge Frau von Argan bilden das Ensemble. Hoch oben thronen die Schutzengel Kasperl und Gretel sowie Gevatter Tod als klassische Handpuppen bzw. Marotte auf einer Wolke und greifen, wo’s nötig ist, ins Geschehen ein. Klockmeier selbst schlüpft in die Rolle des königlichen Leibarztes und empfiehlt dem Publikum mit einschmeichelndem französischem Akzent die eine oder andere brachiale Behandlungsmethode, die man lieber nicht über sich ergehen lassen möchte. Heike Klockmeiers pointenreiche Bearbeitung des beliebten Stoffs als Stück im Stück, ihre stimmlichen Wandlungsfähigkeit und ihr temporeicher, nahtloser Figurenwechsel machten diesen Theaterabend zum Vergnügen. „Und?“, fragt Dienstmädchen Toinette am Ende ins Publikum: „Noch jemand ein Klistier?“ Besten Dank. Bei diesem köstlichen Spaß ist eine Verdauungshilfe absolut überflüssig.