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Die Zauberflöte - eine Prüfung Daniel Gloger, ensembleKONTRASTE & Thalias Kompagnons

Es war ein Paukenschlag, obgleich es doch „nur“ um Mozarts Zauberflöte ging. Aber an dieser Inszenierung hätte wohl auch der Meister selbst – Lebemensch, der er war – seine Freude gehabt. Kleines Theater ganz groß – oder wie eine Besucherin den Auftakt des 30. Internationalen Figurentheater-Festivals im ausverkauften Nordsee-Congress-Centrum (NCC) in einem einzigen, enthusiastisch gedehnten Wort zusammenfasste: „Mit wie vielen „s“ schreibt man eigentlich klasssssse?“
Himmel noch eins. Da ging aber auch was über die Bühne am Freitagabend. Und dabei hatte alles so harmlos angefangen. Acht Kammermusiker, ein Countertenor und zwei Puppenspieler – ist das nicht fast ein bisschen wenig für die große Bühne des NCC? Keineswegs, denn hier waren Profis am Werk. Und die machten aus einer 222 Jahre alten Oper ein modernes mulitmediales Theaterspektakel – spritzig, ideenreich, respektlos und voll technischer Raffinesse.
Absolut hinreißend die Szene, als der schräge Vogel Papageno, nachdem er die ihm anvertraute Papagena mehr schlecht als recht behandelt hat, dann doch in Liebe entflammt und ihr schließlich in die Handpuppen-Arme fällt. Aber das reicht dem feurigen Gockel nicht, und so fährt er der Geliebten auch gleich unter den Rock und reißt ihr Höschen vom Finger. Eine Stelle, an der es keiner Technik bedarf, um deutlich zu machen, dass Papagenos härteste Prüfung erst noch bevorsteht. Es reichte völlig, einen goldenen Käfig auf das junge Glück herabzulassen, während dieses noch ekstatisch vor sich hinzuckte. Lebenslänglich. So ist das nun mal, wenn es mit rechten Dingen zugeht.
Eine von vielen Szenen, die diese Kleine Zauberflöte in den Rang eines der besten Stücke hebt, die je bei Poppenspälers gezeigt wurden. Das lag auch und vor allem an Countertenor Daniel Gloger, der der reichen Schar an Protagonisten nicht nur seine Stimmen lieh, sondern die Zuschauer mit komödiantischer Mimik durch das bisweilen schrille Bühnengeschehen leitete. Nicht minder großen Anteil hatten die Puppenspieler Joachim Torbahn und Tristan Vogt, die das Ganze unter erschwerten Bedingungen in Bilder setzten. Dabei hatte die Kamera stets ein wachsames Auge auf ihr Spiel, das mittels Großleinwand in den Saal übertragen wurde. Tatsächlich erinnerte das Ganze an einen Setzkasten, in dem Lettern spiegelbildlich angeordnet werden, damit sie später beim Druck eine lesbare Zeile abgeben. Torbahn und Vogt führten ihre Figuren nicht – wie üblich – vertikal, sondern horizontal. Ein lohnender Mehraufwand. Derweil bewies das achtköpfige ensemleKONTRASTE, dass in jedem guten Musiker auch ein talentierter Sänger steckt.
Dass Tamino, Sarastro und die anderen nicht aus Holz geschnitzt, sondern aus einfachem Pappmaschee geformt waren, die Bühnenbilder wie Backbleche in Regale geschoben wurden und zwei schlichte Kochtöpfe mit Grillkohle und Leitungswasser anzeigten, dass man für die Liebe durch Feuer und Wasser gehen muss, tat der Sache keinen Abbruch. Und auch, dass Marcus M. Reissenberger das dreistündige Musik-Epos zu einer 80-minütigen Musical-Fassung verdichtet hat, änderte nichts an einem furiosen Theaterabend.
Rüdiger Otto von Brocken