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Notre Dame Theater Con Cuore, Schlitz

Wie jeden Tag eröffnet die junge Verkäuferin ihren Souvenirstand vor den Toren Notre Dames in Paris – sie wirkt dabei nachdenklich und versonnen. Denkt sie vielleicht an die Geschichte von Victor Hugo, deren Protagonisten sie in Miniaturform als Figuren an Touristen verkauft, die Geschichte vom Glöckner von Notre Dame? Sie scheint jedenfalls verliebt zu sein… Wie im Traum gleiten wir Zuschauer ein paar hundert Jahre in die Vergangenheit des französischen Spätmittelalters und befinden uns am selben Ort vor der gewaltigen Kathedrale.
Das Figurenspiel beginnt und es entspinnt sich die tragische Geschichte um die schöne Zigeunerin Esmeralda, tief verehrt vom missgestalteten Glöckner Quasimodo und dem Hauptmann der königlichen Leibgarde, Phöbus, der erfolgreich, eitel und selbstverliebt, Esmeraldas Herz gewinnt und sie verführt. Der Ziehvater des ehemaligen Findelkindes Quasimodo ist der Erzdekan von Notre Dame. Gequält von seinem Begehren, das allein Esmeralda gilt, wird er zur dunklen Figur der Geschichte um Sünde, Religion und Hass. Besessen von seiner unerfüllten Liebe und glühend eifersüchtig tötet er seinen Rivalen, den Hauptmann, in dem er ihn vor Esmeraldas Haus niedersticht. So ist sie die Unglückliche, auf die der Verdacht des Mordes fällt. Um sie vor der Todesstrafe zu beschützen, verhilft Quasimodo ihr zu einem Asyl in der Kirche. Inzwischen lässt der tot geglaubte Hauptmann, der von enttäuschten Rachegefühlen geleitet wird, zum Sturm auf die Kathedrale blasen und während des Kampfes der Soldaten kommen sowohl Esmeralda als auch der Erzdekan ums Leben. Quasimodo bleibt in tiefer Trauer und Verzweiflung zurück.
Der so vom Theater Con Cuore interpretierte Stoff wird von Virginia und Stefan P.Maatz fesselnd, temporeich und sensibel umgesetzt. Licht und Musik tragen zu der düsteren, spannungsgeladenen Atmosphäre auf der Bühne bei. Die Botschaft, dass nicht viel Gutes für die Protagonisten heraus kommt, wenn die nur allzu menschlichen Eigenschaften Eifersucht, Hass und pseudoreligiöse Gefühle übernehmen, kommt sehr deutlich an und wird auch inhaltlich von den Puppenspielern/Schauspielern heraus gearbeitet. Auch wird deutlich, dass die Schwachen, Ausgestoßenen und Hilflosen wie Quasimodo und Esmeralda im Verlauf der Geschichte immer wieder zu Opfern werden.
Stefan und Virginia Maatz überzeugen durch ihr virtuoses Figurenspiel, aber auch durch ihre eigene Schauspielkraft. Stefan Maatz trägt seinen klerikalen Protagonisten mit gekonnter Stimmbeherrschung und physischer Präsenz vor und Virginia Maatz, aus einer traditionellen Puppenspieler Familie stammend, lässt Esmeralda als Marionette virtuos verführerisch tanzen. Auch die anderen Puppen des Stückes, wie die durch Stäbe geführten Figuren sind meisterhaft gestaltet und entfalten auf der Bühne eine große Authentizität.
A.Berger und N.Fischbach