Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2012

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The Orphan Circus Les Sages Fous, Quebéc, Canada

Der Waisenzirkus oder: Das Leben ist ein Schrottplatz
Die kanadische Bühne „Les Sages Fous“: Höhepunkt der laufenden Pole Poppenspäler Tage in Husum
Sie sind nicht eben schön und leben in einem sehr vertrauten Schattenreich – die Meerjungfrau ohne Schwanzflosse und der Transvestit, der sich wie ein Vogel kleidet, weil er so fliegen zu können glaubt. Anlässlich der Pole Poppenspäler Tage in Husum entführte das kanadische Figurentheater „Les Sages Fous“ (Die weisen Verrückten) sein Publikum in die aussätzige Welt eines Schrottplatzes. Dort lassen zwei Mitarbeiter ihren Fantasien freien Lauf. Mehr noch: Mit den Requisiten der Wegwerfgesellschaft erwecken sie sie zum Leben.
„The Orphan Circus“ (Der Waisenzirkus) haben Catherine Mousseau und Jacob Brindamour ihre bejubelte Inszenierung genannt, in der sie eine wundersame Gestalt nach der anderen aus dem Klärschlamm des Vergessens kramen. Kreaturen, die längst überflüssig geworden sind, ausgedient haben und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – über ein bemerkenswertes Arsenal von Fähigkeiten verfügen. Nackt-Geschöpfe, die das Publikum nicht nur mit akrobatischen Einlagen, sondern mehr noch mit ihrer ungezähmten Vitalität in Staunen versetzen.
Je tiefer die Zuschauer in diese eigentümliche Welt hineintauchen, desto fragwürdiger erscheint ihnen plötzlich die sogenannte Macht der Gewohnheit. Dies gilt erst recht, als die seltsamen Holzköpfe zu allem unterweltlichen Überfluss auch noch menschliche Reaktionen an den Tag legen. Zum Beispiel, wenn der „birdman“, der eingangs erwähnte Vogelmann, im Überschwang der Gefühle zu seiner schwimmbehinderten Meerjungfrau hinabtaucht und erst merkt, dass es sich wohl doch um eine unmögliche Liebe handelt, als ihm die Luft wegbleibt.
Indem sie mit der Realität spielen, sie nach Belieben verschieben und neu anordnen, werfen „Les Sages Fous“ Fragen auf, ohne sie stellen zu müssen. Und wer da annimmt, allein auf dieser Welt und seines Glückes Schmied zu sein, den belehrt der mysteriöse Monsieur T. Issiomo eines Schlechteren. Denn er ist der heimliche Herr dieses wundersamen Panoptikums. Fantasie und Wahnsinn, Traum und Albtraum bilden in diesem Stück keinen Widerspruch, sondern Kehrseiten einer Medaille, deren Rückansicht wir nur allzu gerne ausblenden. Die ausdrucksstarken Figuren von South Miller sowie die teils beklemmende, teils befreiende Musik von Christian Laflamme und das feine Spiel der beiden Akteure auf der Bühne machten "The Orphan Circus" zu einem Theater-Erlebnis der Extraklasse.
Rüdiger Otto von Brocken, Husumer Nachrichten