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Jolanta Natalia Barannikova, Russland

Jolanta – Große Oper für eine Sängerin, 12 Puppen und großes Orchester
Tschaikowskys lyrische Oper auf der Puppenbühne, kann das gut gehen?
Die Sopranistin Natalia Barannikova hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die ganze Oper nach einem Märchen des Dänischen Dichters Henrik Hertz in der Originalsprache mit allen Stimmen vom lyrischen Sopran über den voluminösen Alt, den Helden- sowie den lyrischen Tenor bis zum Bass selbst zu singen, dazu noch das Orchester mit Flöte, Harfe, Geigen sowie Pauken und Trompeten zu markieren. Für Opernfreunde und Freunde des Figurentheaters gleichermaßen ein funkensprühender Spaß voller Regie-Einfälle und hinreißender Spielideen. Aus der Vorrede an das Publikum heraus, das gespannt vor einer fein ziselierten Miniatur-Opernbühne saß, verwandelte sich die Schauspielerin/Sängerin in die blinde Jolanta und ertastete mühsam ihren Weg auf die Bühne, wobei dem Publikum bei einem kleinen Ausrutscher schon der Atem stockte. Dann aber verwandelte sie sich in die Regisseurin, und in jede der 12 Rollen, die zarte lyrische Prinzessin, ihre walkürenhafte Amme, schmachtende Tenöre und den königlichen Vater, natürlich ein Bass. Präzise führte sie die Figuren dazu, verschaffte ihnen und sich aber auch Pausen, in denen sie wiederum den Gang der Handlung durch das Markieren des Orchesterparts vorantrieb. So etwa, wenn die Jäger in den Wald kommen, in dessen Mitte der verschlossene Garten liegt, zu dem niemand außer dem König und der Amme der blinden Prinzessin Zutritt hat, dann ertönen natürlich die Hörner, geblasen auf der Tröte, die sie um den Hals hängen hat.
Die Prinzessin soll nicht wissen, dass sie blind ist, auch nicht, dass es so etwas wie Sehen gibt, es ist dem kleinen Gefolge streng verboten, hierzu Andeutungen zu machen. Eines Tages stoßen sowohl ein Arzt als auch der Verlobte der Prinzessin mit einem Freund zufällig auf den Garten. Das Verbotsschild, das ankündigt, wer hier eindringe, müsse dieses mit seinem Leben bezahlen, ignorieren sie und finden die schlafende Jolanta. In glühenden Tönen entdeckt der Freund des Verlobten seine Liebe zu der schönen jungen Frau und Natalia Barannikova leiht ihm ihre großartige und ausdrucksstarke Stimme. Natürlich erwacht die Prinzessin, wer kann schon schlafen bei solch einem Leidenschaftsausbruch und auch sie findet den freundlich auf sie einredenden Fremden sympathisch, was sie in einer lyrischen Arie ausdrückt. Der fremde Gast bittet sie, ihm als Zeichen ihrer Liebe eine rote Rose zu schenken, die wir schon deutlich auf dem Palastdach inmitten zweier weißer erkennen können. Nicht so Jolanta, sie gibt ihm eine weiße Rose, auf seine nochmalige Bitte wiederholt sie den Fehlgriff, als er nicht nachgibt, schmeißt sie schließlich einen Wäschekorb voller Rosen, alle weiß, auf ihn. Da erkennt er, dass sie blind sein muss und spricht zu ihr von den Schönheiten, die Sehende auf der Erde finden können. In einem berührenden Bild entfaltet die Regisseurin nun einen Bühnenhintergrund, von allem, was Sehende auf der Welt glücklich machen kann: den blauen Himmel mit Wolken, einen Regenbogen, einen Palast, den nächtlichen Sternenhimmel und vieles mehr, es entfaltet sich alles aus einem Bild und ist ein Wunderwerk einer Faltpapierarbeit.
Nun kommt der König hinzu, natürlich bangen wir erstmal um das Leben der beiden Eindringlinge, aber es wendet sich alles zum Guten, zumal der maurische Arzt, der ebenfalls beim König für Milde wirbt, sagt, er könne die Tochter heilen aber nur, wenn sie wisse, dass sie blind ist und selber sehen können möchte.
Gegen Ende des Stücks verlagert sich die Bühne vor den kunstvollen Opernprospekt und wir hören die Inspizienten-Aufforderung aus dem Lautsprecher: „Jolanta bitte fertig machen zum Schluß-Auftritt“, wie man es aus Reportagen über Operninszenierungen im Fernsehen kennt. Wir sehen die Sängerin sich in die prächtig gekleidete Jolanta verwandeln, sie schminkt sich und macht sich fertig für das Finale. Da hat sich dann die Heilkunst des maurischen Arztes bewährt, wir werden selber Zeugen, wie zunächst das helle Licht die bisher Blinde blendet. Nach kurzer Zeit aber erkennt sie entzückt alle ihre mitspielenden Figuren und platziert diese zum Schlussbild in einem Pavillon, wo dann noch eine ausgeklügelte Bühnen- und Lichttechnik uns ein optisches und akustisches Feuerwerk bietet, das unseren Beifall herausfordert, worin die Schlussakkorde und das Bemühen eines gespielten Dirigenten unterzugehen drohen.
Diese Opern-Miniatur auf hohem sängerischen und musikalischen Niveau, wenn auch mit einfachen Mitteln und Figurentheater-Kunst vom Feinsten macht Lust darauf, die Oper von Tschaikowsky auf der großen Bühne zu erleben. Ein begeistertes Publikum dankte Natalia Barannikova und ihrem Team mit rauschendem Beifall wie in der großen Oper. Es „ging“ nicht nur „gut“, es war ein wunderbares Theatererlebnis gespeist von Witz, Charme und genialen Ideen.
Irene Fröhlich