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Der Mond Theater der Nacht, Northeim

Es ist eines der kürzeren Märchen der Brüder Grimm und dennoch offenbar eines, das Künstler zum Schaffen anregt: Carl Orff hat seine erste Oper daraus gemacht und sie anschließend als eine Herausforderung für den Regisseur bezeichnet, so erzählt die Prinzipalin des Theaters Ruth Brockhausen und beschreibt, wie sie als Theater-Kollektiv mit eigener Spielstätte die Hürden des Rechteerwerbs und andere Widrigkeiten überwunden haben, um aus diesem kurzen Märchen, das eigentlich wohl eher zu den Schwänken der Sammlung gehört, ein abendfüllendes, geistreiches und das ganze Leben umreißende Theatererlebnis zu machen.
In stockfinsterer Nacht treffen sich wie immer mit ihren Laternen die Freunde Gottfried, Karl und Bernhard, denn Dunkelheit kann ja kein Grund sein, sich das Leben nicht mit allerlei Vergnüglichem, auch aus der Flasche zu verschönern. Allerdings kann man dabei mit der Obrigkeit in Konflikt geraten, die denn die drei Freunde auch zur Höchststrafe, nämlich zum Entzug der Laternen verdonnert und auch noch des Landes verweist. Sie machen sich also auf den Weg und finden den dicken Hugo – im Besitz einer Laterne. Er versteht sich auf´s Stehlen und muss immer wieder „Schmiere“ stehen. Da er allerdings stets von Hunger geplagt wird, zählt ein knuspriges Brötchen zu seinem Reisegepäck, das er strengstens hütet.
Sie kommen in ein Land mit sehr kleinen BewohnerInnen, seltsamer, unverständlicher Sprache, und einem außerordentlichen Sauberkeitsbedürfnis, weswegen sie ständig mit ihren Puscheln unterwegs sind, um alles sauber zu halten, der Pflege bedarf vor allem ihre große, runde Laterne, die ihnen die Nacht erhellt und die sie Mond nennen.
Bei ihrem Versuch, die Laterne zu stehlen, wecken die vier Emigranten den Wächter dieser überdimensionalen Lampe. Nach allerlei Verwicklungen und Zusammenstößen dieser unterschiedlichen Kulturen gelingt der Diebstahl aber doch und die Vier werden in ihrer Heimat hoch angesehene und wohlhabende Leute, weil sie auf die großartige Idee kommen, von jedem Bewohner einen Taler pro Woche für jeden von ihnen zu verlangen für das Nachtlicht.
So vergeht die Zeit, einer heiratet, der andere kann endlich sicher Weißwein von Rotwein unterscheiden, einer erleidet einen schrecklichen Unfall, einen Sturz in die erste Reihe, von dem er sich aber erholt. Kurz und gut, das Leben ist endlich und einer nach dem anderen muß sich von den anderen verabschieden und in seinen Sarg steigen, nicht ohne ein Viertel der Mond-Lampe mit in die Unterwelt zu nehmen.
Welche Auswirkungen nun diese Dauerbeleuchtung in der Unterwelt hat, erfährt das bis hierhin gespannt und heiter folgende Publikum – nach der Pause.
Die Bühne, welche bisher schwarz ausgekleidet war, ist nun durch einen weißen Gazestoff verhüllt und wir sehen alles wie durch einen Schleier: Die Toten können nicht schlafen. Keine Ruhe finden nicht nur die vier Freunde, die auch als Gerippe ihre Eigenarten erkennbar beibehalten haben, sondern auch andere, z.T. ihrer Körper verlustig gegangene, nur noch als Totenschädel vorhandene Persönlichkeiten. Zunächst einmal wird gefeiert und gespielt, was das Zeug hält, gewürfelt mit einem Schädel, der immer dieselben zwei Augen zeigt, bis jemand ein drittes in den Kiefer praktiziert, gekegelt wird mit dem besagten Schädel, dem das natürlich auch nichts ausmacht, denn der Tod hat ja seinen Schrecken verloren, was zu anarchistischem Getriebe und lustvollen Ausschreitungen führt, es wird geflirtet, falsch gespielt und schließlich so dermaßen gebalgt und geprügelt, dass man im Himmel auf das Treiben aufmerksam wird. Das Beten und Kyrie singen hilft nicht und der große Simon Petrus beschließt, selbst nach dem Rechten zu schauen.
Es kommt, wie es kommen muss, es wird verfügt, der Mond werde benötigt auf der Erde, zum Beleuchten der Nacht, lediglich ein Viertel dürfe in der Unterwelt bleiben und so ist also Halligalli in der Unterwelt bei – Neumond, woran teilzunehmen, Simon Petrus nicht abgeneigt scheint.
Die ganze Vielfalt des Figurentheaters konnte hier gefeiert werden: hervorragende SchauspielerInnen, die selbstverständlich einen vollen vierstimmigen Chor präsentieren konnten, mit der klaren, hellen Stimme von Gudrun Stockmann; eine wunderbare Musik, kenntnisreich komponiert mit Witz und Eleganz von dem Gründungsmitglied des Theaters Heiko Brockhausen; ein ideenreiches Bühnenbild von dem gelernten Bühnenbildner Thomas Rump gestaltet, das mit einfachsten Mitteln vielfältige Proportionen und Anwendungen ermöglichte; eine stimmige Abwechslung von menschengroßen Figuren bis zu kleinsten, wattebällchengroßen Seelchen und einem bis zur Decke reichenden Simon Petrus.
Eine kluge Idee war ganz zweifellos, die Figuren mit Masken auszustatten, was eine große Vielfalt an Personen schuf aber natürlich auch eine Flexibilität der SchauspielerInnen voraussetzte, die wirklich großes Theater machten. Ohne Maske, dafür in Frack und Zylinder standen sie immer wieder mal rechts und links eines Leierkastens, der seinerseits eine Bühne für Himmel, Erde und Unterwelt war. Als Conferenciers hielten sie angesichts anscheinend überbordender Spielfreude und Unmengen von Spielideen den roten Faden für das begeisterte Publikum.
153 Minuten vergingen wie im Fluge, Jubel und Applaus waren gewaltig, man hatte einen Theaterabend erlebt, der wahrlich keine Kleinkunst war und neugierig auf Mehr macht.