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Hannes und Paul Seifenblasen Figurentheater, Meersbusch

Während eines Fliegeralarms im zweiten Weltkrieg in Deutschland sitzt Frau Schumann in ihrer Küche, aus dem Volksempfänger ertönen erbauliche Musik und Lesungen, Wollsachen für „die Ostfront“ strickend. Die Aufforderung des Nachbarn mit hinunter in den Keller zu kommen, ignoriert sie, denn eines der Gedichte weckt in ihr die Erinnerung an ihren Sohn, Hannes und seine traurige Geschichte mit seinem Freund Paul, an der sie nicht unschuldig ist.
Im naturalistisch gestalteten Bühnenbild einer 30er Jahre Küche sehen wir das Heranwachsen des kleinen Hannes und lernen auch den bulligen Vater kennen, der überzeugt, man dürfe ein kleines, schreiendes Kind nicht verwöhnen, die Mutter nötigt, das Kind zu ignorieren, getreu der sich entwickelnden autoritären Pädagogik, die während der NS-Zeit im „Hitler-Jungvolk“ als Maßstab galt. Auch der kleine Hannes gehört bald zu den „Pimpfen“ und präsentiert sich stolz in Uniform seiner verunsicherten Mutter. Hier lernt er auch seinen späteren Freund Paul kennen, aber zunächst streiten die beiden sich.
Erst im Jungen-Gymnasium treffen sie wieder aufeinander, wo sie, angeleitet durch einen engagierten Lehrer im Latein-Unterricht Ovids Pyramus und Thisbe aufführen sollen. Hannes spielt Pyramus, Paul Thisbe, die Frau. Die lyrischen und schwärmerischen Texte, im Spiel sowohl im lateinischen Original als auch in deutscher Übersetzung aus dem Off gelesen, ermutigen die beiden inzwischen Halbwüchsigen, ihre zärtlichen Gefühle füreinander zu spüren und zu gestehen.
Der bärbeißige, vom Endsieg überzeugte Vater ist längst zur Waffen-SS an die Front eingezogen und die Mutter, der er stets grob und lautstark jeden Zweifel an seiner und der Nazipartei Ideologie verboten hat, sorgt sich um den fernen Gatten und Vater ihres Sohnes. Seltsam unberührt von all diesen Entwicklungen, dem fortschreitenden Krieg, der Entlassung des Lehrers aus der Schule und der amtlichen Nachricht vom Tod des Vaters sind die beiden Liebenden miteinander verbunden über die Verse Ovids und finden schließlich die Gelegenheit, eine Nacht ungestört durch die mütterliche Gegenwart, zu verbringen. Doch sie kommt früher vom Nachtdienst nach Hause und entdeckt die beiden Freunde nackt im Bett.
Entsetzt weist sie Paul aus dem Haus und zeigt ihn an. Daraufhin verlässt auch Hannes verzweifelt das Haus, Paul kehrt zurück und schlägt Alarm, er weiß, was der Freund vorhat, aber sie kommen zu spät, Hannes hat sich vor den Zug am Bahndamm geworfen, an dem die beiden in der Kindheit spielten. In seiner Verzweiflung tut Paul es ihm nach. Die Mutter bleibt alleine zurück mit den Bildern und ihrer Erinnerung. Draußen heulen die Sirenen, der Nachbar ruft vergeblich.
In der Regie von Neville Tranter, einem Altmeister des Figurentheaters sehen wir der stimmgewaltigen Elke Schmidt zu, wie sie den vier handelnden Personen ihre Stimme und Ausdruckskraft verleiht. Besonders eindrucksvoll dabei die sehr unterschiedlichen Register, über die sie verfügt, den polternden, angeberischen, teils auch gewalttätigen Ehemann, den sie als fast gleich große Puppe führt und sprechen lässt, während sie ihm als eingeschüchterte Ehefrau nur hauchend zu antworten wagt. Hannes und Paul als kleine, noch unbeschwerte Jungen und später als Heranwachsende, die ihren Gefühlen nur zögernd trauen, diese führt sie erst als kleine Handpuppen, später als größere Tischfiguren, in der angesprochenen Szene sogar nackt.
Das äußerst komplexe Spiel mit den Möglichkeiten des Figurentheaters wird durch die Liebesgeschichte des Ovid hinausgetragen über die bloße Zeitdarstellung, die z.T. authentisches Material aus der NS-Zeit einspielte, in eine berührende Erzählung über die Liebe unter unmöglichen Bedingungen. Womöglich stellt gerade die Aussichtslosigkeit, diese Beziehungen leben zu können, ihre Kostbarkeit und ihren überzeitlichen Wert dar.
Das spürbar nachdenkliche Publikum applaudierte der großen Leistung der Schauspielerin und ihrem Technik-Partner lang anhaltend, was sie anscheinend fast in Verlegenheit brachte.
Irene Fröhlich