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Die Rotkäppchen-Variationen Theater Laboratorium, Oldenburg

Zweimal volles Haus für Pavel Möller-Lück, der ebenfalls mit Grimm im Gepäck angereist war. Zuletzt war der Oldenburger vor allem mit Wiederholungen vertreten gewesen. Doch diesmal gab’s im Rittersaal des Schlosses, etwas Neues zu sehen. Und neu heißt bei Möller-Lück immer auch anders. So spielen seine "Rotkäppchen-Variationen" mit dem, was der Märchenstoff zwar anklingen lässt, aber nicht ausspricht - und gehen sogar noch einen Schritt weiter. Das Stück spielt in der Lausitz, wo 1906 der letzte deutsche Wolf erschossen wurde und ein Stasi-Offizier mit Hang zur Poesie namens Dr. Alfred Gallwitz mal wieder seinen Lieblings-Widersacher, Herrn Wolf, verhört. Die Grimmsche Märchenhandlung wird derweil auf ein Nebengleis gelenkt. Stattdessen drängen sich die zarte Liebesgeschichte von Herrn Wolf und Rotkäppchen sowie deren System-resistenter Großmutter in den Mittelpunkt. Derweil kappeln sich Wolf und Gallwitz über die Frage, wer hier womöglich ein wahres Leben im Falschen zu führen versucht. Möller-Lück kennt das Spiel und spielt es konsequent zu Ende - mit Witz und Tiefgang und mit einer Heiterkeit, die immer auch einen Hauch von Melancholie versprüht. Dass Gallwitz Wolf am Ende ziehen lässt, und statt eines Berichts "Märchen, nichts als Märchen" nach Berlin schickt, passt da ebenso ins Bild wie die traute Einsicht des verliebten Paares, dass beide hervorragende Wanderer sind: Herr Wolf bei Nacht und Rotkäppchen am Tag. Und so erscheint selbst Wolfens kategorische Feststellung, dass man immer eine Wahl habe, plötzlich nicht mehr vollends umumstößlich. Pavel Möller-Lück, dem mit Beatrice Bader und Jonathan Wendt zwei hinreißende junge Leute zur Seite standen, ist und bleibt ein Meister der Zwischentöne.
Rüdiger Otto von Brocken, Husumer Nachrichten