Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2011

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Plagegeister Figurentheater Raphael Mürle, Pforzheim

Perspektivwechsel für die „Plagegeister“ – so nah und groß! So nah und in solch‘ riesigen Dimensionen hatte Mensch die Krabbeltiere seines eigenen Haushaltes sicherlich noch nie gesehen, wie Raphael Mürle es in seiner 70-minütigen Vorstellung der „Plagegeister“ im Saal des Rathauses in der Regie von Martin Bachmann bot. Faszinierend die Spinne, der Käfer, der Weberknecht, die Libelle oder der Skorpion, die mit ihren vielen langen Beinen ganz beweglich an ihren vielen Fäden hingen, so dass man manchmal schon eine Verknotung und Kollision befürchtete.
Für den Pforzheimer Puppenspieler, schon viele Jahre auf den Pole-Poppenspäler-Tagen zu Gast, ganz offensichtlich völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten, die sich mit dem Bau dieser Insekten und dem Spiel mit ihnen und ihren oft nahezu „menschlichen“ Verhaltensweisen ergaben. Für die Zuschauer ein spannender Perspektivwechsel, der die Tiere nun ganz dicht und groß zeigte und die Betrachter so in ihren ganz eigenen Bann zog. Ironische Brechungen, intensive Studien zu Gewalt, Trauer und Verlust – all‘ das gehörte zum Spiel dazu.
So war zum Beispiel bei der Libelle – mit Federboa – ein berührender Liebestanz zu dem Lied „Ich bin allein heut‘ Nacht“ zu sehen und zu hören, der in seinem Ausdruck und seiner Laszivität schon Musical-Qualität hatte. Beim Requiem für einen Skorpion dagegen nahm das Gefühl der Mit-Trauer die Zuschauer gefangen. Denn es blieb nicht aus, dass die menschlichen Betrachter ihre menschlichen Gefühle auf die tierischen Krabbelwesen vor ihnen auf der Bühne übertrugen, um so verstehen zu können, was dort passierte.
Auf diese Art und Weise wurden Raphael Mürles „Plagegeister“ auch zu einem intensiven Exkurs in die Gefühlswelt und Lebensgemeinschaft der Menschen mit ihren Fehlern, Trieben, Schwächen und Stärken. Ein Spiel, das berührte.
Kirsten Schöttler-Martin