Rückblick

27. Pole Poppenspäler Tage 2010

Rotkäppchen
TRAFFIK THEATER, Luxemburg & Brüssel

„Und wenn ich es nicht mit eigenen Augen und Ohren gesehen und gehört hätte, ich hätte es nicht geglaubt!“ Michel Boulanger der Komponist und Mit-Spieler am Cello und der mit Objekten dazu spielende Erzähler Daniel Tanson präsentieren das Märchen der Gebrüder Grimm. Das Stück hält sich exakt an die klassische Märchenvorlage und trotzdem saßen die überwiegend erwachsenen Zuschauer wie gebannt und gespannt vor der Bühne. Die gestrichene moderne Musik und die Geräusche, die mit dem Cello erzeugt wurden, bauten Spannung auf und unterstützten den sprachlich faszinierend und spielerisch pantomimisch vorgetragenen Märchentext. Durch die wenigen, gut ausgewählt und geschickt eingesetzten Objekte, entstand eine Projektionsfläche, auf der jeder Zuschauer ‚sein Rotkäppchen’ innerlich visualisieren konnte. Die Regisseurin Astrid Howard hat es verstanden, durch die Auswahl und Größe der Objekte sowie durch den pantomimisch-spielerischen Vortrag von Daniel Tanson gleichzeitig eine psychologisch fundierte Interpretation des Märchens für Erwachsene mitzuliefern. Die Geschichte vom pubertierenden Mädchen, das neugierig auf den Wolf ist und nach dem ‚einschneidenden Erlebnis’ gern wieder das ‚kleine Mädchen’ der Großmutter sein will. Wie gesagt, ich war begeistert von der Vorstellung, glaubte allerdings nicht der Ankündigung, dass das ein Programm für 5 bis 10-jährige Kinder sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die moderne Musik und die minimalistische Ausgestaltung der Geschichte Kinder in ihren Bann ziehen würde. Aus diesem Grund besuchte ich die Vorstellung ein zweites Mal, als überwiegend Kinder einer Sonderschule das Publikum waren; und es funktionierte genau so wie in der Vorstellung, in der die Mehrzahl Erwachsene waren. Daniel Tanson gab für die Kinder eine geschickte Einführung, in der er auf die Spannung der Geschichte hinwies, und nach der Geschichte sang er mit den Kindern ein Lied, das sich lautmalerisch auf den Inhalt der Geschichte bezog. Damit ‚erdete’ er die Zuschauer vergnüglich und spielerisch. Wie gesagt: „Und wenn ich es nicht mit eigenen Augen und Ohren gesehen und gehört hätte, ich hätte es nicht geglaubt!“ Wolf Buresch Hamburg, Oktober 2010