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Harold und Maude Dornerei Theater mit Puppen, Neustadt a.d.W.
Theater Blaues Haus, Krefeld-Hüls

Bereits die ersten Klänge der vor den Augen der Zuschauer aufgelegten Schallplatte lassen fast schon verloren geglaubte, doch sehr geliebte Erinnerungen aufleben: Cat Stevens markante, leicht gebrochene Stimme singt „Where do the Children Play?“ und wir fühlen uns unwillkürlich in eine andere Zeit zurück versetzt. Die Melancholie des Musikstückes überträgt sich gleich in doppelter Weise auf uns – ist es wirklich schon ungefähr 30 Jahre her, seit wir den Spielfilm „Harold and Maude“ im Kino sahen?! Das scheint unglaublich, aber dennoch sind die freudigen Emotionen, die wieder da sind, wenn man sich an diesen wunderbaren Film erinnert, sehr intensiv. Mit unbewegtem Gesicht verleiht der auf der Bühne agierende Volker Schrills der Figur des jungen, neurotischen Harold eine große Glaubwürdigkeit. Auch Eleen Dorner, die im Verlauf des Stückes gleich mehrere Rollen übernimmt, macht sich als ehrgeizige, oberflächliche Mutter von Harold sehr gut. Sie bleibt auch angesichts der Scheinselbstmorde ihres Sohnes, der sich nach Liebe und Zuwendung sehnt, ungerührt.
Sehr ehrgeizig versucht sie immer wieder, Harold mittels Heiratsagentur unter die Haube zu bringen. Durch eine standesgemäße Verheiratung ihres Sohnes verspricht sie sich gleichermaßen weitere persönliche Vorteile sowie das Ende von Harold’s exzentrischen „Eskapaden“, als die sie sie ansieht. Die von der Agentur geschickten Heiratskandidatinnen spielt, mit immer gleicher Gesichtsmaske, ebenfalls Eleen Dorner, die das Peinliche und Aufgesetzte dieser Situation naiv plaudernd heraus stellt. Und die Puppen in diesem Stück?

Sie sind wunderschön und sehr ausdrucksvoll und verleihen den eigentlichen Protagonisten, nämlich dem jungen Harold und der in die Jahre gekommenen Maude, sehr lebendig Leben und Charakter. Seelenvoll agieren sie, wechselweise als lebensgroße oder, wenn die obere, Guckkasten ähnliche Bühne benutzt wird, als kleinere Ausgabe eben dieser Puppen. Diese zwei, von den beiden Künstlern gewählten Spielebenen bieten dem Zuschauer eine reizvolle Abwechslung. Mal wirkt das Geschehen unmittelbar und nah, mal etwas distanzierter, in die Ferne gerückt. Auch können die verschieden Settings, in denen die Handlung spielt, durch die verschiedenen Ebenen gut wieder gegeben werden. Etwa, wenn Harold zuhause im Garten wieder einen seiner scheinbaren Selbstmorde perfekt in Szene setzt, derweil seine Mutter und eine ihrer Heiratskanndidatinnen im Hause angestrengt parlieren, während sie gemeinsam auf Harold warten. Oder als Harold, als Scheinleiche auf dem hauseigenen Pool treibt – hier bewegt sich eine kleine Flachfigur auf der auch als Leinwand genutzten oberen Ebene. Sogar die Szene, als der von Maude gesteuerte Wagen immer wieder dem Polizisten davon fährt, können die beiden Puppenspieler mittels dieser oberen Leiste und ein paar Flachfiguren originell umsetzen. So wirkt auch die letzte Szene, in der Harold den 80.Geburtstag seiner geliebten Maude vorbereitet hat und in der sie ihm erklärt, dass sie bereits die Tabletten geschluckt hat, die sie aus dem Leben befördern sollen, sehr intim und dennoch melancholisch distanziert, denn sie spielt sich in der kleineren Ebene, in Maudes Haus, ab. Die Kerzen sind noch nicht verlöscht, die Wärme von Maud’s wunderbarer Persönlichkeit noch spürbar, als Harold noch einmal zu Banjo Klängen das gemeinsame Lieblingslied anstimmt:„If you want to be free, be free..“, eine Hommage an seine Geliebte, an das Leben!

Die auch heute noch aktuelle, unkonventionelle Liebesgeschichte wurde in sensibler, origineller und authentischer Weise erzählt – ein großes Dankeschön an Eleen Dorner und Volker Schrills!

Astrid Berger und Nicola Fischbach