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Woyzek Theater Kuckucksheim, Adelsdorf

Auf der Bühne steht, fast in Original-Größe, ein Schilderhäuschen, bedrohlich, beklemmend. Vielleicht auch nur für mich, für meine Generation.
Der Soldat (Stefan Kügel) dreht an der Kurbel, die Drehorgel-Musik dröhnt und macht das Wachhäuschen lächerlich, macht es zur Jahrmarktsbude.
Der große, schwere Soldat singt mit rauer Stimme ein Soldatenlied:

"Soldaten das sein lustige Brüder,
Haben frohen Mut,
Singen lauter lustige Lieder,
Sein den Mädchen gut.
Spiegelblank sind unsre Waffen,
Schwarz das Lederzeug,
Können wir beim Mädchen schlafen,
Sein wir Kaiserreich."

Das ist nicht mehr lächerlich, genau diese Kommando-Stimme hat auch mir vor grauer Zeit befohlen, ähnlich widerliche Texte zu singen, zu gehorchen und zu marschieren.
Die Beklemmung ist wieder da.
Der Offizier (Stefan Kügel) lässt sich vom Burschen Franz, dem Landser, dem Geknechteten rasieren. Das blanke Messer streicht über Wange, über den Hals, der Offizier verströmt Zoten, er höhnt über Marie. Das Messer zittert.
Ich denke: schneid ihm die Gurgel durch.
Doch Franz führt nur seinen Befehl aus, er rasiert.
Wie ich damals die Stiefel des Feldwebels zigmal geputzt habe; Befehl ausgeführt! Bitte wegtreten zu dürfen.

Der Offizier kommt zu Marie, er verleumdet Franz, er bedrängt sie, das ist kein Werben, er fordert sie, und nimmt sie.

Schlaflied:
"Mädel was fangst du jetzt an?
Hast ein klein Kind und kein Mann!
Ei was frag ich danach?"

Franz beim Militär-Arzt (Stefan Kügel), Franz stottert, er ist sprachlos wie alle Rechtlosen. Der Arzt hat das Wort, er referiert über das Leben, über Franz, über die Liebe und über Marie im Besonderen.
Der zynische, süffisante, erniedrigende Ton, würgt mir die Erinnerung wieder hoch. 16 Jahre alt. Nackt in Reih und Glied, vor dem ordengeschmückten, uniformierten Offizier, mit den Helferinnen in Uniform. In genau diesem Ton, sein Urteil: „kv“ - kriegsverwendungsfähig. Abtreten zum Töten oder zum Verheizen.
Franz hält diesem Ton nicht stand, er wurde scharf gemacht, er dreht durch, er tötet - Marie.

65 Minuten totales Theater, unter Hochspannung. Stefan Kügel schlüpft in viele Rollen, das Wachhäuschen bietet durch Klappen und Türen überraschende Spiel-Positionen. Auf die technischen und spielerischen Raffinessen möchte ich nicht weiter eingehen, denn das Spiel ging mir unter die Haut, es hat mich berührt und unzählige Assoziationen in mir hervorgerufen.

Ich bedanke mich bei Stefan Kügel ganz herzlich für diesen ergreifenden Theater-Abend.

Dieter Kieselstein / Oktober 2008