Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2008

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Hans im Glück Figurentheater Fährbetrieb, Herisau, Schweiz

Macht Reich­tum glück­lich?
Wäh­rend der Pole Pop­pen­spä­ler-Tage wur­de uns gro­ßen und klei­nen Men­schen ab 5 Jah­ren eine Al­ter­na­ti­ve, so­wohl vom Grimm´schen Mär­chen „Hans im Glück“ als auch von der Dar­stel­lungs­form her, an­ge­bo­ten. Eine Neu­ent­de­ckung der Lang­sam­keit, der Ruhe und der Wie­der­ho­lun­gen. Dies aus­zu­hal­ten fällt je­doch dem ei­nen oder an­de­ren schwer, sind wir doch auf ein „Mehr“, ein „Schnel­ler“ und „Im­mer Gran­di­o­ser“ (auch in der ma­te­ri­el­len Aus­stat­tung von Pup­pen­spie­lern) ge­polt.
Der Lehr­jun­ge Hans er­hält nach sie­ben Jah­ren und der Fer­tig­stel­lung sei­nes Ge­sel­len­stückes bei ei­nem re­nom­mier­ten Schwei­zer Uhr­ma­cher ei­nen gro­ßen Klum­pen Gold für sei­ne Leis­tung. Dank­bar und glück­lich zieht er nach Hau­se zu sei­ner Mut­ter. Auf dem Wege tauscht er sei­nen Lohn ge­gen ein Pferd, dann das Pferd ge­gen eine Kuh, die Kuh ge­gen ein Schwein, das Schwein ge­gen eine Gans und schließ­lich, „da Hand­werk ja ei­nen gol­de­nen Bo­den hat“ die Gans ge­gen ei­nen Schleif­stein. Tau­schen macht Spaß und es gibt im­mer wie­der ei­nen neu­en po­si­ti­ven As­pekt, den der Hans in sei­nem Tausch­ge­schäft er­kennt. Als der Schleif­stein ihm dann in den Brun­nen fällt und er ohne ma­te­ri­el­len Ge­winn da steht, ist Hans der reichs­te Mensch auf Er­den.
Er ist reich an Le­bens­er­fah­run­gen, an Er­in­ne­run­gen und Ge­schich­ten, die er zu Hau­se er­zäh­len kann. Hans ist so be­schwingt und zu­frie­den, dass er freu­dig in sein El­tern­haus zu­rück keh­ren kann. Ma­chen nun Le­bens­er­fah­run­gen und Be­geg­nun­gen reich? Hans hat vie­le Men­schen ge­trof­fen und mit ih­nen Zeit ge­teilt. Da war zu­erst der Uhr­ma­cher­meis­ter mit dem er sie­ben Jah­re Zeit ge­teilt hat, dann der Pfer­de­be­sit­zer, der Land­wirt, der Schwei­ne­bau­er, der Gän­se­hir­te und der Sche­ren­schlei­fer. Im­mer fand eine Be­geg­nung statt, Men­schen, die Hans´ Le­bens­weg kreu­zen. Doch sein Glück war nicht ab­hän­gig von den Tausch­wa­ren, die er hat­te. Er konn­te im­mer et­was Gu­tes am Tausch se­hen!

Kommt es auf die Sicht­wei­se an?
Und die­ses Le­bens­ge­fühl, sich Zeit zu neh­men und ge­mein­sam Zeit zu tei­len, wur­de für die Zu­schau­er er­fahr­bar, die sich im Nord­see-Mu­se­um auf das ein­fühl­sa­me und ru­hi­ge Spiel von Kurt Fröh­lich ein­las­sen konn­ten und nicht im­mer „neue Ac­tion“ be­nö­tig­ten, um Hans in die­sen knapp 60 Mi­nu­ten auf sei­nem Le­bens­weg zu be­glei­ten.
Wer sich auf die hei­te­re Ap­pen­zel­ler Streich­mu­sik mit jauch­zen­dem Jazz-Sa­xo­phon, Hack­brett und Na­tur­jo­deln des Pup­pen­spie­lers ein­las­sen konn­te, wäh­rend eine Rat­haus­uhr im Hin­ter­grund die Mo­men­te zähl­te – im gro­ßen Ge­trie­be der Welt - , der spür­te, wie eine Last nach der an­de­ren ab­fiel und den Kopf für Neu­es frei mach­te und er selbst für ei­nen Mo­ment zu sich selbst fin­den konn­te.
Wer sich nicht in das ge­las­se­ne Spiel, die im­mer wie­der­keh­ren­de Me­lo­die und die fünf Tausch­ge­schäf­te ein­füh­len konn­te, muss­te zu­min­dest fas­zi­niert sein von der Tech­nik der gro­ßen Uhr, so wie sie ne­ben Schwei­zern höchs­tens noch Schwarz­wäl­der bau­en kön­nen, von dem „Lauf­band der Welt“ mit Bäu­men, Häu­sern, Men­schen und am Ende gar dem Ab­bild des Sen­se­manns, die im­mer wie­der vom Le­bens­band auf den Kopf ge­stellt wur­den.
Zeit und Le­bens­zeit zu vi­su­a­li­sie­ren und greif­bar zu ma­chen, ist Kurt Fröh­lich her­vor­ra­gend ge­lun­gen. Aber auch die Ge­gen­strö­mung, also ge­gen den Uhr­zei­ger in Be­we­gung ak­tiv zu wer­den und nicht mit dem Strom auf dem Lauf­band zu ge­hen, wur­de im­mer deut­li­cher. Sein Spiel hob sich von der Mas­se an „Rei­ßer­ti­teln nach Kin­der­buch­vor­la­gen“ in die­sem Fes­ti­val ab, wo­bei nicht nur die Er­wach­se­nen fas­zi­niert wa­ren, son­dern ins­be­son­de­re auch Jun­gen zur Ruhe ka­men und durch die Uhr in den Spiel­bann ge­zo­gen wur­den. Dazu tru­gen auch die von Kurt Fröh­lich ge­schnitz­ten Tisch­fi­gu­ren bei, die ger­ne nach dem Spiel von Groß und Klein be­wun­dert wur­den.

Nach die­sem Spiel bleibt noch eine Fra­ge of­fen. Brau­chen wir wirk­lich in Zei­ten von Bör­sen­ab­stür­zen und Bank­plei­ten un­ser Ak­ti­en­de­pot noch, das uns schlaf­lo­se Näch­te be­rei­tet? Oder kön­nen wir glück­lich sein, die­ses los zu wer­den?
Be­a­te Brand