Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2008

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Vom Fischer und seiner Frau Theater Laboratorium, Oldenburg

30 Jahre lang beginnt Herrn Fischers Tag morgens um drei mit dem Weck-Ruf seiner Frau: „Fritz, Du musst nach Wasser!“ Da greift man schon mal zum Flachmann, entwickelt eine handfeste Naturgeräusch-Allergie, schaltet das Radio ein, auch wenn das Morgen-Quiz noch so blöd ist, und geht einem endlich ein dicker Fisch ins Netz, weiß man nicht, wie man reagieren soll! Weshalb man von der Ilse sofort wieder „nach Wasser“ geschickt wird und sich in ihrem Auftrag eine Doppelhaushälfte von dem Zauber-Butt wünscht! Und auf einmal ist des Wünschens kein Ende: aus der Mini-Kate wird eine Doppelhaushälfte, die alsbald zu klein ist, weil sich überall die Schätze der Versandhäuser stapeln, schließlich ein Gutshaus mit 15 Zimmern, in dem man sich gar nicht mehr trifft. Von der Gutsherrin lässt sich die Ilsebill von ihrem ebenso anspruchslosen wie gutmütigen Mann in eine Frau Königin wünschen, danach will sie Kaiserin, Papst und - weil sie nicht „Heilige Mutter“ genannt werden darf -, schließlich Gott werden. Da aber macht „Mantje“, der Fisch, nicht etwa der Fischer, nicht mehr mit und zur Strafe sitzen wir wieder in unserer Mini-Kate, denn „Unglücklichsein kann man auch in der kleinsten Hütte!“. Damit hat das Leben in Umzugs-Kartons zwar ein Ende, aber Fritz sucht nun doch nach professioneller Hilfe. Zweimal die Woche fährt er fortan zur Gesprächs-Therapie nach Stralsund, meldet auch gleich seine Frau an, die sich zurzeit aber noch in der Uni-Klinik in Greifswald kuriert. Schließlich ist man ja mitschuldig am Unglück der Frau. Und warum? Weil man einfach nicht nein sagen kann. Denn – so ist es statistisch erwiesen –72 Prozent aller Ja’s sind ein Nein und erst wenn man es schafft, ein lustvolles, ernst gemeintes Nein auszusprechen und dann auch durch zu halten, ist Besserung in Sicht, übrigens auch in der Schul-Pädagogik.

Mit blauer Wollmütze und Brille präsentierte sich Pavel Möller-Lück im wiederum ausverkauften Rittersaal des „Schlosses vor Husum“ in der Rolle des Fischers Fritz Fischer als gestandener Norddeutscher mit einem kräftigen Schuss Mecklenburger Humors, der auch das Publikum in die Therapie einbezog und nach Paar-Problemen befragte. In der dynamisch-vergnüglichen Inszenierung brillierte er nicht nur als überzeugender Darsteller, sondern erwies sich auch wieder als feinfühliger Puppenspieler, der virtuos das Grimmsche Märchen über die Gier mit zwei kleinen bebrillten Stab-Puppen, der Ilsebill und dem Möller-Lück nachgebildeten Fischer, sowie einem großen Stoffbutt als Handpuppe auf die drangvolle Enge suggerierende Bühne brachte. Diese erneut aktualisierten Fassung der zeitkritischen Adaption des Märchens von der Unersättlichkeit in der Produktion des Theater Laboratoriums Odenburg entpuppte sich als begeisterndes Kabinett-Stückchen, das mit einer Fülle kabarettistischer Einlagen, politischer Anspielungen und philosophischer Einsichten über das Wünschen, die Liebe und das Glück zum Lachen und – beinahe – zum Weinen brachte.

Als nächstes hat sich Pavel Möller-Lück übrigens vorgenommen, einen „Großen Abend der kleinen Diktatoren“ auf die Bühne zu stellen. Ein Grund mehr, ihn in seinem neuen Theater – einem Kleinod, dessen Café mit dem Mobiliar aus dem berühmten Zürcher Künstler- und Emigranten-Café „Odéon“ sowie weiteren Schätzen aus Brüssel ausgestattet ist – zu besuchen. Gisela Terheggen überreichte ihrem treuen Star-Gast im Namen der „Poles“ dafür eine Spende für 5 Steinen à 99 Euro.
Uta Beth