Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2008

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Die Bremer Stadtmusikanten Theater Laboratorium: Pavel Möller Lück, Oldenburg

Zum 25-jährigen Bestehen des „Pole Poppenspaeler“- Festivals in Husum begeisterte Pavel Möller-Lück mit einer Benefiz-Aufführung seiner Neu-Inszenierung des Grimmschen Märchens über die Bremer Stadtmusikanten. Wer zählt die Einfälle, wer die Pointen, die Pavel Möller-Lück der letzten Reise von Esel, Hund, Katze und Hahn abgewinnt?

Weil er die Abfahrt nach Bremen verpasst hat und stattdessen an der serbischen Grenze gelandet ist, wird Georg Schmidt, alter Esel aus Rothenburg an der Wümme, nun in der Schreibstube von Giorgio Michalowitsch, dem Capitano der dreiköpfigen Grenztruppe, auf Herz und Nieren befragt.
Was hat er in Bremen gewollt? Ein neues Leben beginnen.
Warum? Weil er zum ersten Mal beim Arzt war.
Wieso? Weil sein Rücken so weh tat und ihm der Arzt dringend eine OP mit anschließender Reha empfohlen hat.
Ja, und? Daraufhin habe ihn der Chef, für den er 55 Jahre als Lastesel gearbeitet hat, ohne auch nur einen einzigen Tag zu fehlen, vor die Wahl gestellt: „Entweder Du kommst wieder zur Mühle oder Du fliegst!“ Da habe er aus tierischer Enttäuschung erstmal eine Stunde geflennt, dann seine Ersparnisse abgehoben, seine Habe zur Caritas gebracht und sich auf den Weg ins Senioren-Paradies Bremen gemacht.
An einer Autobahnbrücke habe er den tauben Herbert gesehen. Der wollte sich dort in die Tiefe stürzen, weil er nicht darüber weg kam, dass sein Herrchen, dem er 14 Jahre treu als Jagdhund gedient habe, ihn nun, da er nicht mehr so flink war, erschießen wollte. Zum Glück habe Georg ihn überreden können, erstmal mit ihm nach Bremen zu kommen, denn: „etwas Besseres als den Tod findest Du überall!“ Als sie dann noch die alte Mary de Winter getroffen hätten, den bekannten Gesangs-Star aus den 60er Jahren, der seine Enttäuschung nach einem vorzeitig abgebrochenen Konzert in einem Mazda-Autohaus gerade mit Grappa hinunterspülte, und schließlich einen Hahn, der eben noch rechtzeitig vor dem Abschlachten aus dem Ruhrgebiet geflohen sei, hätten sie plötzlich ein gemeinsames Ziel vor Augen gehabt: nämlich in Bremen als Band aufzutreten!
Und wo sind die anderen abgeblieben? Die sind noch im Wagen. In der Sicherheitszone?!!!

Große Aufregung bei den Grenzern, bis der Soldat einen Einkaufswagen mit einem tapperigen Hund, einer räudigen Katze und einem noch relativ jungen Hahn in die Stube bringt und sich nun jeder von ihnen an die gewissenhafte Beantwortung des Fragebogens aus Brüssel begibt. Ein Rechenschaftsbericht über ihr bisheriges Leben, bei dem der Capitano einfühlsam Hilfe leistet, auch, wenn es um das heikle Thema 'Beziehungen' geht. Während Mary de Winter ihre Männer unter der Rubrik 'Lebenslügen' abbucht, muss Georg eingestehen, dass er noch nie mit einer Frau zusammen war und sich gerade zum ersten Mal überhaupt verliebt hat – natürlich in Mary, die in ihren wenigen wachen Stunden dank ihres trockenen Humors und ihres überbordenden Temperamentes („Kinder, wat bin ick heute räudig!“) alle anderen immer noch in die Tasche steckt. Wie gut, dass der Capitano eine Zusatzausbildung in der psychologischen Betreuung von Stars absolviert hat. Aber wir wissen auch längst, dass wir hier nicht an einer gewöhnlichen, sondern an der Grenze vom Leben zum Tod sind, zu dem es angeblich 7000 verschiedene Eingänge gibt.

Das Märchen entpuppt sich als eine todtraurige Geschichte über gelebtes bzw. nicht gelebtes Leben, deren Tragik durch eine sehr menschliche Heiterkeit statt innerer Abwehr ein befreiendes Lachen erzeugt und dennoch direkt unter die Haut geht. Mit eindrucksvollen, beinahe lebensgroßen Stoffpuppen zeigt Pavel Möller-Lück – zusammen mit Christoph Bliefernicht, einem jungen Architekten, der dem Theater seit acht Jahren in allen möglichen Funktionen halbtags zur Verfügung steht, und Frederic Phung, einem in Deutschland aufgewachsenen Vietnamesen chinesischer Abkunft, der als Zivi beim Theater sein soziales Jahr ableistet -, dass das Alter wahrlich nichts für Waschlappen ist. Es bedeutet vielmehr eine Schwerst-Arbeit, bei der man nur Millimeter vorankommt, will man - anstatt zu verblöden oder in Depression zu versinken - immer noch ein wenig wachsen bis zu seinem hoffentlich würdigen Ende. Das erreicht man – so die Lehre aus dieser anrührenden Neu-Inszenierung des Theater Laboratoriums Oldenburg – am besten, indem man sich wie die „Bremer Stadtmusikanten“ mit anderen zusammentut. Da verliert der Tod seinen Schrecken, bekommt fast etwas Tröstliches – so wie die auf dem Hintergrund-Prospekt über einem Grenzfluß mit Wiese im Plakat-Stil der 30er Jahre in den Himmel gemalte zukunftsfroh dreinblickende Frau, neben der ein in kyrillischen Buchstaben in keiner Sprache zu identifizierendes Wort steht.

Im Gespräch bestätigt Pavel Möller-Lück, dass dem Stück eine intensive persönliche Beschäftigung mit dem Tod vorausgegangen sei und die spektakuläre Neuaufnahme des „Who“-Titels „My Generation“ durch die „Zimmers“ vor zwei Jahren einen weiteren Anstoß gegeben habe. Der englische Chor mit seinem Durchschnittsalter von 70 Jahren, der sich nach der bekanntesten britischen Firma für Gehhilfen „The Zimmers“ genannt habe, hätte mit seinem Auftritt auf die unwürdige Situation alter Menschen in England hinweisen wollen. Was ihnen ja bekanntermaßen gelungen ist.

Nie ist man so vergnüglich an die Grenze von Leben und Tod geführt worden wie in der neuen Märchen-Adaption des Theater Laboratoriums Oldenburg von den „Bremer Stadtmusikanten“. Die Aufführung gehörte zu den Höhepunkten der an Glanzlichtern reichen 25. „Pole Poppenspäler Tage“. Da es dafür bereits am ersten Vorverkaufstag keine Karten mehr gab, wurde eine zweite Sondervorstellung angesetzt und das Publikum belohnte die gelungene Mischung aus Schauspiel, Figuren- und Objekttheater, die aus der kritischen Bestandsaufnahme unserer Gegenwart politisch-satirisch wie parodistisch einen wahren Funken-Regen erzeugte, im ausverkauften Rittersaal des „Schlosses vor Husum“ mit standing ovations. Vor allem für Pavel Möller-Lück, der den bisweilen müden philosophischen Esel und Dylan-Fan mit einer gehörigen Portion Alters-Starrsinn und rührender Unschuld spielte, der hinreißend die verschiedenen Facetten seines Gesangs-Stars Mary einschließlich ihrer den Schlagern der 50er Jahre nachempfundenen Lieder vorführte und sie in einer zu Tränen rührenden Szene fragen ließ, was man denn zum Schluss anziehen solle? Anhand der misslungenen Erschießung gelang ihm eine rabenschwarze Kabarett-Nummer zum Thema Herr und Hund – einzig die Geschichte seines Hahnes, mit dem er die Vermarktung von Allgemeinplätzen in der Ruhrgebiets-Lyrik eines Grönemeyer parodierte, wurde nicht weiter ausgeführt.

Uta Beth