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Dornröschen Kobalt Figurentheater, Lübeck

Lange schon haben sich der König und die Königin ein Kind gewünscht, doch erst nach einer Kur „mit Fango und Tango“ in Bad Schwartau stellt sich der Nachwuchs in Gestalt eines süßen Mädchens ein, das gehörig verwöhnt und mit einer großen Tauf-Feier geehrt wird. 12 Feen hat man zur Festtafel geladen und die wünschen dem kleinen Röschen nun Schönheit, Reichtum und Weisheit, einen Freund für alle Lebenslagen und was der schönen Wünsche noch mehr sind. Plötzlich erscheint eine 13. Fee. Diese war nicht eingeladen worden, weil es am Hof nur ein Fest-Gedeck für 12 Personen gibt. Dafür wünscht sie nun dem Mädchen den Tod: im Alter von 15 Jahren werde sich Röschen an einer Spindel stechen und auf der Stelle tot umfallen! Zum Glück hat die 12. Fee ihren Wunsch noch nicht ausgesprochen, weshalb sie den Spruch der Rache-Fee zwar nicht aufheben, aber wenigstens in einen 100jährigen Schlaf abmildern kann. Klar, dass der König sofort alle Spindeln aus seinem Reich verbannt - und in den kommenden Jahren schallt das Lachen von Röschen und ihrem Freund, dem Küchenjungen Oscar, überall durch das prachtvolle Schloss, das trotz aller Vorsichtsmassnahmen pünktlich im 15. Lebensjahr der Prinzessin mit wundervollen Rosen überwuchert wird, bis genau ein Jahrhundert später der Prinz durch seinen Kuss nicht nur Röschen, sondern mit ihr den ganzen Hofstaat wieder zum Leben erweckt.

Dem Zuschauer prägt sich dieses neugotisch anmutende „Traumschloss“ ein als Schauplatz einer behüteten Kindheit, in dem Röschen alle Räume vom Keller bis in den Turm erkundet und dabei die verschiedenen kindlichen Entwicklungsstufen durchläuft. In den einzelnen Räumen des Schlosses werden zugleich die von den Feen paarweise geäußerten Wünsche und Eigenschaften der Prinzessin sinnlich erfahrbar gemacht. So steht das Bad, in dem sich alles um den Säugling dreht, für Röschens "sanfte Haut" und "schöne Stimme", die Küche für die "Freundschaft" und dass sie "immer genug zu essen" hat; im Keller wird "Mut" und "Ausdauer bzw. Reife" gezeigt, in der Schulstube "Wissen" und "Fleiß bzw. Interesse/Neugier" demonstriert. Das Ankleidezimmer wiederum steht für "Schönheit" und "Anmut", der Ballsaal für ihre Fähigkeit, "schön tanzen" zu können, und der Turm schließlich für "100 Jahre Schlaf". Treten in der Schulstube noch ganz unauffällig die ersten Irritationen im Vergleich zu Oscar auf, gibt es zwischen ihnen im Ballsaal die ersten fühlbaren Disharmonien, bis sich das pubertäre Mädchen schließlich im Turm zurückzieht. Mit dem Kuss des Prinzen endet die Kindheit. Röschen verlässt das Schloss ihrer Eltern und zieht mit ihm in die Welt. Die Prinzessin ist erwachsen geworden.

Silke Technau und Stephan Schlafke vom Kobalt Figurentheater in Lübeck erzählen, spielen und singen das Grimmsche Märchen mit eindrucksvollen Marionetten und Tischfiguren von Michaela Bartonova unter der Regie von Holger Brüns in einer ebenso behutsamen wie bezaubernden Neu-Inszenierung für Kinder ab 4 Jahren - und sie zeigen es so frisch und neu, als hätte man es selbst noch nie gesehen. Der Akzent liegt auf der sorglosen, vor allem durch die gutmütige, dicke Kinderfrau Martha behüteten Kindheit, in der Röschen und Oscar spielerisch die Welt entdecken und schließlich erkennen müssen, dass Mädchen nun mal andere Spiele bevorzugen als Jungen und eine Königstochter andere Sachen lernt als ein Küchenjunge. Der Erwachsene nimmt ihre allmähliche Entfremdung wehmütig zur Kenntnis, die Kinder finden das ganz normal. Und wenn dann der Prinz auf seinem fulminanten Dragon-Bike naht, ist die Welt für Jung u n d Alt wieder in Ordnung.
Uta Beth