Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2008

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Cuniculus Stuffed Puppet Theatre: Neville Tranter, Amstelveen, Niederlande


Der Titel der Endzeit-Vision des berühmten australischen Puppenspielers Neville Tranter, ist lateinisch und bedeutet sowohl Kaninchen als auch Höhle, Erdgang – und genau dort, in einer Höhle unter der vom Krieg verwüsteten Erde, findet die Menschwerdung eines vermeintlichen Riesenkaninchens statt. Das verkörpert – ausgestattet mit lächerlichen Hasenohren – niemand anders als Neville Tranter, der offenbar als Kind von Judith, einer Frau auf der Flucht vor ihren Verfolgern, in den unterirdischen Gängen abgelegt und von der Hasenmutter Emma aufgezogen wurde. Natürlich hält er sich selbst auch für einen Hasen, aber er spürt doch, daß er anders ist, und daß zu langes Nachdenken ihn das Leben kosten könnte. Auf diese Andersartigkeit weisen ihn die anderen Mitglieder der Hasenfamilie auch andauernd hin: der inkontinente, ständig aggressiv räsonierende Lupus, die kapriziöse und ewig geile Sissi sowie der reichlich vertrottelte Onkel Claudius. Gelegentlich taucht auch Randy auf, der es für Nahrung fast allen besorgt. Der Mann, der bezeichnenderweise keinen Namen hat, versorgt sie – unter den Augen der überdimensionalen Statue des Stammgründers - so gut und liebevoll, wie es nur irgend geht. Gedankt wird es ihm nicht. Aber die zärtliche Liebe von Emma, die sich immer wieder auf die Erde wagt, um Futter für die Ihren herbeizuschaffen, ist ihm genug. Was sich da oben - im Reiche des von den Hasen gefürchteten „Lords“ – Schreckliches abspielt, weiß man nicht, aber immer wieder hört man Gewehrsalven, Bomben und Schreie. Und wenn Emma zurückkehrt, ist sie von schrecklichen Wunden entstellt! Doch bringt sie stets etwas Eßbares mit – zu welchem Preis, kann man nur ahnen. Sprechen kann sie darüber nicht, denn eine Zunge hat sie schon lange mehr. Eines Abends, und das ist schon kurz vor ihrem Tod, bringt sie wieder einen Säugling mit. Sie vertraut ihn dem Mann an und als „Mutti“ dann tatsächlich stirbt, rät der dem Baby, sich bei Gefahr tot zu stellen. Ein frommer Wunsch, wenn Tiere Hunger leiden und Sissy ihren Namen ablegt, um sich fortan Lucretia zu nennen! Der Mann aber entschließt sich nach einem Gespräch mit dem plötzlich gar nicht mehr so vertrottelt wirkenden Onkel Claudius, seine Angst vor dem „Lord“ zu überwinden und tatsächlich fort zu gehen: „Er fand nie seinen Namen, aber er entschied sich, sich Mensch zu nennen.“

In seinem eindrucksvollen neuen Stück „Cuniculus“, das Jan Veldmann nach den Ideen von Neville Tranter geschrieben hat, behandelt der seit 1978 in den Niederlanden lebende Puppenmeister Jahrgang 1955 eine ganze Reihe von Problemen, Ängsten und Träumen. Mit lakonischem, manchmal brutalem Witz und schwarzem Humor führt er uns die Versagungen und Wünsche des Alters, triebhaften Sex, Liebe, auch die homosexuelle, die Furcht und die Fremdheit in einer öden, vergifteten Welt vor Augen und stellt die Frage, was einen Menschen im Kampf um sein Überleben vielleicht doch vom Tier unterscheidet. Die fast lebensgroßen Stoffpuppen, allesamt von Neville Tranter hergestellt, virtuos gespielt und mit phantastisch vielfältiger Ausdruckskraft gesprochen, kontrastieren mit der Rolle des sich allmählich aus dem Schatten seiner Familie lösenden Hasen-Mannes, den Tranter mit seiner eigenen Person verkörpert. Dadurch ergab sich eine ganz eigenartige Spannung, entstanden wundervolle Spiel-Szenen mit magischen Momenten. Und selten wurde eine Mutter-Sohn-Beziehung auf der Bühne so liebevoll und intim gezeigt wie in den wenigen ‚Gesprächen’ des Mannes mit der wortlosen Hasenmutter. Die Aufführung in englischer Sprache, die in Husum ohne den vorgesehenen wabernden Rauch auskommen mußte, verbreitete eine verstörende Endzeitstimmung mit unvergeßlichen Bildern, wobei Tranters grandiose Darstellung in der Regie von Hans Man in’t Veld durch die Musik von Ferdinand Bakker und Kim Haworth sowie eindrucksvolle Sound- und Licht-Effekte (Desiree von Gelderen) wirkungsvoll unterstützt wurde. Dass er sein neues Stück, das gerade erst eine Woche zuvor auf der Ruhr-Triennale/Fidena in Essen seine Weltpremiere gefeiert hat, zum 25jährigen Bestehen der „Pole Poppenspäler Tage“ in Husum präsentiert hat, ist Ausdruck seiner langjährigen Verbundenheit mit diesem Festival. Und sicher war es nicht nur für mich ein beglückender Abend, der lange nachwirkte.
Uta Beth