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Kasper tot. Schluss mit lustig? Lutz Großmann, Berlin

"Bin ich zu früh?" Die lis­ti­ge Fra­ge des To­des gleich zu Be­ginn for­dert aus dem Dun­kel des Rit­ter­saa­les um­ge­hend Pro­test he­raus. Die­ser Zeit­ge­nos­se kommt im­mer zu früh - ob im wah­ren Le­ben oder auf der Büh­ne. "Tritrat­rul­lal­la" - Kas­per ist leicht de­pres­siv und prä­sen­tiert sich in ganz neu­em Out­fit: kah­ler Schä­del statt Zip­fel­müt­ze, mit ei­nem Hauch von fluf­fi­ger Fe­der ge­schmückt, schlich­tes Lei­nen er­setzt das bun­te Kostüm. Der Ber­li­ner Lutz Groß­mann steht am An­fang ei­nes Hand­pup­pen­spiels, das - an der Gren­ze zwi­schen Le­ben und Tod - alle in sei­nen Bann zieht: Kas­per tot. Schluss mit lus­tig?"
Mal schrill, mal frech, mal laut, mal lei­se, mal mit fei­ner Iro­nie und mal mit fins­te­rem Hu­mor aus­ge­stat­tet, lässt der fa­cet­ten­rei­che Ge­sell' das Pub­li­kum verstum­men und mit­lei­den. Kas­per hat es of­fen­sicht­lich satt, seit Ge­ne­ra­ti­o­nen im­mer nur lus­tig zu sein. Ganz neue, zeit­kri­ti­sche Töne schlägt er an. "Hartz IV" für Gre­tel, die kei­ne Kin­der hat - im Lau­fe des Abends soll er da­ran schnell mal was än­dern. Kein Kro­ko­dil als Geg­ner, da­für Tod und Teu­fel - und ein Text­buch, das beim letz­ten Wort nicht nur ge­schlos­sen wird, son­dern auch Kas­pers Tod be­deu­tet. "Ja, kann man tenn ta kar nischt machn?" - Pup­pen­büh­nen-Säch­sisch pras­selt auf die be­geis­ter­ten Zu­schau­er nie­der. Der ein­zig wah­re Kas­per, vom Arzt mit der Di­ag­no­se "tod­krank" kon­fron­tiert, kann und darf ein­fach nicht "stärbn".
Wie fän­de der Sen­sen­mann die de­men­te Groß­mut­ter, die sich los­ge­ris­sen hat und aus dem Heim ge­flo­hen ist, als Er­satz? Da schlägt ein­sam die Turm­uhr des Schlos­ses. Wie pas­send: Kas­per hält die­se so­fort für sein "To­tes­klöckschn" und will sich vom ima­gi­nä­ren Brü­cken­ge­län­der ver­zwei­felt in die Tie­fe stür­zen. Ein har­scher Be­fehl ent­lockt der un­heim­li­chen Stil­le im Saal er­leichtertes La­chen: "Run­ter da - hier wird nicht in die Tie­fe ge­pisst!" Was soll der arme Kas­per auch ma­chen, wenn der Kö­nig das Pfle­ge­geld für alle Omas streicht und Gre­tel ihm vor­wirft: "Du liepst mich nischt mär!" So blickt er ver­zwei­felt in die Run­de: "Ich sitz' ganz schön in der Schei­ße, was? Und ich hab' das Ge­fühl, Sie fin­den das auch noch lus­tig."
Das nahe Ende reißt den wit­zi­gen Kerl ganz schön run­ter. Was soll mit ihm "da­nach" ge­sche­hen? Eine Fra­ge di­rekt ans Pub­li­kum, das der Pup­pen­spie­ler im­mer wie­der in die Hand­lung mit ein­baut. Teil­wei­se könn­te man die be­rühm­te Steck­na­del fal­len hö­ren. Am Ende wird die Haupt­fi­gur vom Tod ge­küsst und fügt sich die­sem - ver­meint­lich - un­wi­der­ruf­li­chen Schick­sal.
Doch Kas­per wäre nicht Kas­per, wenn er nicht sei­ne de­men­te, zum Ster­ben be­rei­te Groß­mut­ter un­ter dem Bett­la­ken ver­bor­gen und dem Tod un­ter­ge­scho­ben hät­te. To­ten­stil­le Das Pub­li­kum denkt nach. Nie wie­der "Tritrat­rul­lal­la"? Ver­ein­zelt wer­den "Kas­per­le"-Rufe laut. "War doch nur'n Spaß", wischt die­ser auf­kom­men­de Zwei­fel hin­weg und ver­neigt sich vor dem hef­tig ap­plau­die­ren­den Pub­li­kum: Kas­per bleibt unsterb­lich.
Uta Kni­zia