Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2007

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In den Wind gerufen Irmel Droese, Mettmann

Vorsichtig trägt Irmel Droese, eine grazile Erscheinung im roten T-Shirt und oliv-farbenen Minirock, einen Karton – oder ist es ein Sarg? – mit einer Krone auf die Bühne. Die rote Krone setzt sie auf den Kopf und wendet uns nun ihr faszinierendes Gesicht zu, zählt auf, was sich oben und unten und was sich dazwischen befindet. Also oben ist der Himmel, der Engel, der Kopf, die Ohren, die Seele, unten das Geröll, der Teufel, der Fuß, der Schlund, der Klang. Und dazwischen befinden sich die Erde, der Mensch, der Bauch, der Mund, die Stimme. Mit der Stimme, den Lippen, der Zunge, der Mundhöhle sowie ihrem ganzen unglaublich beweglichen Körper produziert sie nun wie ein Medium zwischen dem Oben und Unten tiefe und hohe Laute, Ober- und Untertöne, Lachen, das im ersten Moment erschreckt und befremdlich wirkt, Silben und Worte. „Komm!“ hört man mehrfach. Dann kramt sie wie ein Kind vor der Spielkiste aus einer Plastikwanne alle möglichen Gerätschaften, lauscht den Tönen von Rohr, Trommel, Kastagnette, Glocke und Klingel, sinnt den eigenen Schwingungen nach, freut sich über zwei mit Garn verbundene Dosen, eine Spülbürste, erzeugt einen lauten Knall, indem sie das Mikrofon mit dem Fuß unter das Sammelsurium schiebt und dann ganz stark auftritt. Sie ratscht am Karton, ein Klopfen ertönt, man sieht sie staunen und ganz vorsichtig die Lasche aufklappen, die zu Boden gleitet. Aus dem Karton hebt sie eine große Papp-Puppe im Mädchenkleid, richtet sie auf, schiebt sie hin und her, setzt sie behutsam auf ihren Schoß und probiert Schritte mit ihr. Die Glasaugen der Puppe funkeln. Unendlich zart geht sie mit ihr um, man fragt sich, ob sie behindert ist, ob sie hier verdurstet und mumifiziert ist. Oder handelt es sich vielleicht um eine Projektion ihrer selbst, ihr alter ego? Denn jetzt erzählt Irmel Droese, dass sie schon lange unterwegs ist und selbst halb verdurstet, dass sie nicht weiß, woher sie kommt, wohin sie geht, wie sie heißt. Sie weiß nur, dass sie immer allein ist. Und, dass sie weiter muss, schnell weiter, und dass sie Blut trinken muss. Unter Qualen zieht sie sich jetzt ein Schiff aus der Brust, vielleicht ihre Seele, dann ein kleines Püppchen mit Kordelärmchen. „Die Liebe ist nicht zu stillen. Mit Küssen schon gar nicht!“ sagt sie mehrfach und schickt sich an, mit dem Püppchen auf ihrer Hand zu fliegen. Ihre Flug-Bewegungen sind so suggestiv, dass man Angst hat, die Droese würde wirklich abheben. Danach aber wird aufgeräumt. Puppe und Püppchen werden zurück in den Karton (oder Sarg) gelegt, die Klangkörper in die Wanne geworfen, dabei rasch noch einmal die verschiedensten Töne und Laute mit dem Mikro ausprobiert - und dann trägt Irmel Droese den Karton mit der Krone wieder fort.

Die Performance der einstigen Meisterschülerin von Joseph Beuys und Ehefrau des bekannten Malers und Bildhauers Felix Droese war eine Herausforderung für die zahlreich erschienenen Zuschauer im Südflügel des Husumer Schlosses. Ihr Stück aus ‚Atem, Tönen, Urlauten’ beruht auf einer freien Bearbeitung von Lu Hsüns Kurzgeschichte „Der Wanderer“, hier eben „Die Wanderin“. Lu Hsün, ein bedeutender chinesischer Schriftsteller (1881 – 1936), hat sie in den 20er Jahren veröffentlicht und Irmel Droese hat in ihr die geeignete Vorlage für ihre Collage aus Geräuschen und Tönen, Welt-Musik-Klängen, Stimm-Akrobatik und Bewegung gefunden. Darin geht es um das Werden und Vergehen, um Anfang und Ende, wobei ihre Bilder sich nicht entschlüsseln und die Brüche und Widersprüche einkalkuliert sind. Oft ist in dem Text nicht klar, wer da eigentlich mit wem spricht, und mit ihren mythologischen Anspielungen, den Symbolen der Krone, des Bluts, des Seelen-Schiffs tanzt Droese auf einem schmalen Grad zwischen Kunst und Kunstgewerbe. Andererseits aber regt sie den Zuschauer zu eigenen Assoziationen und Bildern an, lässt durch ihre unglaublichen Körperbewegungen Empfindungen hochsteigen, die reinigend wirken. Damit gibt sie dem Zuschauer die Chance, an seine eigenen Gefühle anzuknüpfen und darüber nachzudenken. Das kann irritieren, zu Ablehnung, Rat- und Verständnis-Losigkeit führen, sogar Aggressionen auslösen. In Husum aber hat sich Irmel Droese nach eigenem Bekunden „sehr wohl“ gefühlt und das Publikum sehr gelobt. Mir ist ihre Aufführung immer noch ganz präsent und ich schließe mich der Meinung ihres Mannes an, der anschließend zu ihr gesagt hat: „Das war eine perfekte Fluxus-Vorstellung!“.

Uta Beth