Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2007

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Russischer Tango Theater Laboratorium, Oldenburg

Schauplatz der Handlung ist eine Seitenbühne des russischen Dramentheaters in Odessa während der deutschen Besatzung. Hier gibt der ganz in der Nähe aufgewachsene und jetzt in Bukarest lebende russische Sänger Pjotr Konstantinowitsch Leschenko am 5. Juni1942 ein denkwürdiges Konzert. Weil seine weltberühmten Zigeunerlieder und eigens für ihn komponierten Tangos nicht ins revolutionäre Kulturprogramm passen, hat er in Russland Auftrittsverbot. Umso populärer ist er in den russischen Emigrantengemeinden der ganzen Welt. Aber auch seine Landsleute zu Hause kennen ihn, obwohl es dort keine einzige Aufnahme von ihm gibt. Denn unter der Hand werden zahlreiche Raubkopien seiner Schallplatten auf ausgediente Röntgenplatten, so genannte Rippen, gepresst und heimlich verbreitet. Kein Wunder also, dass Leschenkos Konzert seit Wochen ausverkauft ist.

Die erwartungsfrohe Stimmung im Theatersaal von Odessa erfasst auch die Zuschauer des Rittersaals im Schloss vor Husum, als Pavel Möller-Lück ihn im eleganten weißen Anzug mit schwarz-weissen Schuhen und einer Tasche voller Requisiten durchquert und zum usbekischen Bühnentechniker Grischa hochsteigt. Der hat alle Hände voll zu tun, er reguliert den Ton, richtet die Scheinwerfer, räumt die auf die Bühne geworfenen Blumen weg. Von Möller-Lück nimmt er keine Notiz und das wird sich auch während der ganzen Aufführung nicht ändern. Schließlich kann er ja den Chronisten nicht sehen, der jetzt kunstvoll verschränkt und höchst unterhaltsam die Lebensgeschichte des hier weitgehend unbekannten Sängers vor uns ausbreitet, während das Konzert seinen am Ende frenetisch gefeierten Lauf nimmt. Immer wieder untermalt von Leschenkos schmelzenden, anrührenden Liedern erzählt Möller-Lück in wechselnden Rollen von den Höhen und Tiefen eines aufregenden Künstler-Lebens, das, in den politischen Wirren des 20. Jahrhunderts hin und her geworfen, in einem stalinistischen Straflager im Alter von 58 Jahren sein trauriges Ende findet. Seine große Liebe, die 26 Jahre jüngere ukrainische Musikerin Vera Georgiewna Belousowa, in die sich der damals 44-jährige Sänger an diesem Konzertabend in Odessa unsterblich verliebt, wird selbst noch in einem Interview mit dem Moldawischen Fernsehen aus dem Jahre 1988 über ihre erschütternde letzte Begegnung mit ihm berichten.

Mit einem vorzüglich gebauten Text, mit Charme, intellektueller Schärfe und lakonischem Witz gelingt es Pavel Möller-Lück, Leschenkos charismatische Persönlichkeit und die tragische Liebe zwischen ihm und der blutjungen Vera wieder zum Leben zu erwecken und dabei die „Temperatur“ jener Zeit spürbar zu machen. Er zeigt nicht nur die Schrecken der Stalin-Diktatur, sondern zugleich die kleinen Fluchten des geschundenen Volkes, das beim Tanz zu Leschenkos Musik vor der ewig dröhnenden Propaganda-Maschinerie hinter verhängten Fenstern Zuflucht sucht. Für eingefleischte Puppenfreunde ist diese Spurensuche mithilfe des modernen Figurentheaters, die mit allen Raffinessen von Kunst und Technik in Szene gesetzt wird, sicher ein Grenzfall, da hier mit Figuren kaum gespielt wird. Die wunderbar zarten Puppen, die nach ukrainischem Brauch zur Hochzeit verschenkt werden, haben „den Vorteil, dass man sie nicht spielen muss“. Doch Möller-Lück erweist sich in seinen Bewegungen, im Umgang mit seinen liebevoll erarbeiteten Demonstrations-Objekten und im vielfältigen Rollenspiel eher als Puppen- denn als Schau-Spieler. Gerade weil er in seiner Inszenierung gar nicht versucht, in Konkurrenz zu den professionellen Kollegen vom Theater zu treten, schafft er eine Atmosphäre von ungewöhnlicher Authentizität. Leschenkos Musik tut ein Übriges. Wer ist nach dieser Aufführung nicht versucht, sich seine Aufnahmen auf CD zu besorgen und zu Hause in voller Länge zu genießen?

Uta Beth