Rückblick Pole Poppenspäler Tage 2007

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Child of Wax
Ingwnya ne mfene
Puppetales, Johannesburg, Süd Afrika

Machteld van Nieukerk, die mit 16 Jahren aus den Niederlanden nach Südafrika kam, begrüßte die auf 40 Personen begrenzte Anzahl ihrer Zuschauer zunächst in einer der 11 offiziellen Sprachen ihres Landes, auf isiZulu, das durch seine vielen Klicklaute sehr lustig klingt. Ihr ganzes ‚Theater für das Wohnzimmer’ besteht aus einem im Reisekoffer feststehenden Holzschrank, der nicht mehr wiegt als 21 Kilo. Die DIN-A-3-Blatt - große Bühne ist hinter einer schönen, mit Säulen verzierten Haus-Fassade verborgen. Durch rhombenförmig angeordnete Löcher in der schmuckvollen Tür fällt Licht in den dunklen Zuschauerraum, macht neugierig auf das, was dahinter ist: ein in den leuchtenden Farben eines strahlenden Morgens erwachendes afrikanisches Dorf. Kühe werden über die Straße getrieben, ein Hund rennt vorbei, eine von den Frauen des schwarzen Häuptlings streitet mit einer zweiten. Der tritt vor die Tür seiner Hütte, sie bringt ihm sofort Mais und Bier. Der Häuptling hätte statt Mais lieber Fisch und seine wachsfarbene Tochter würde sie ihm gerne holen, aber weil ein Albino dem Stamm angeblich Unglück bringt, darf sie nur nachts heraus kommen und muss das Dorf deshalb verlassen. Stattdessen soll Mtabasana, der Sohn des Häuptlings, zum Fluss zu gehen. Der aber weigert sich, weil dort ein Kannibale sein Unwesen treiben soll. Was bleibt dem Häuptling übrig, als mit seinem Gefolge nun selbst zu gehen? Derweil schleicht sich der Kannibale ins Dorf, weißt wie der Wolf aus dem „Rotkäppchen“ seine Stimme mit Kalk, lockt Mtabasana aus seiner Hütte, steckt ihn in einen Sack und schleppt ihn zum Fluss. Doch bevor er verspeist werden kann, rettet ihn PitiPiti, das verstoßene Wachskind. Natürlich will der Häuptlingssohn seine Schwester zum Dank wieder zurück ins Dorf bringen, doch das Mädchen verzichtet. Zur Nacht formt Mtabasana aus dem Wachs eines leeren Bienenstocks einen Vogel, der davon fliegt - ein Zeichen dafür, dass das von seinem Stamm diskriminierte Albino- Mädchen Friede und Freiheit gefunden hat. Der böse Kannibale aber kann in Form von getrocknetem Rindfleisch, das Machteld van Nieukerk als Spezialität ihrer Heimat in der Pause verteilt, vom Publikum verzehrt werden.
Die zweite Geschichte – übersetzt heißt sie „Der Affe und das Krokodil“ - ist lustiger als die erste und spielt in einer idyllischen Flusslandschaft. Die ist - wie Machtheld van Nieukerk erzählt - in Südafrika eher selten zu finden. Dort sagt man vielmehr: „Wer in einen Fluss fällt, muss sich erst abstauben!“ Es geht um einen Affen, der jeden Tag eine saftige gelbe Mango frisst und den Kern in die Gegend schmeißt. In die Gegend ist gut, denn der Kern landet stets auf der Nase des Krokodils. Wir erleben nun, wie der Affe nicht nur das Publikum, sondern auch das Krokodil dazu bringt, sein Lied von der leckeren Mango zu singen, am Ende gar selber lecker zu finden und schließlich von einer Party mit der ganzen Affenfamilie zu träumen. Darauf allerdings lässt sich der schlaue Affe nicht ein, denn Affen fressen Erdnüsse, und Krokodile – genau, die fressen Affen!
Der Text ist durchzogen von einem eigenartigen Humor, die Stimme der Erzählerin hat Charme und Ausdruck und ihre Figuren und farbenfrohen Kulissen, die auf 16 Resopal-Schienen über die Bühne gezogen werden, sind von großem Reiz. Machtheld van Nieukerks Aufführung ist wie ein aufgeschlagenes Bilderbuch und ihr Papiertheater bleibt als ganz besonderes Kleinod des Festivals in Erinnerung.

Uta Beth