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VAMPYR Stuffed Puppet Theatre, Neville Tranter, Amsterdam, Niederlande

Drei beblätterte Netze, wie sie die Bundeswehr, aber wohl auch die niederländische Armee zur Tarnung ihrer Fahrzeuge verwendet, hängen steil von der Bühnendecke. Dazu eine blaue Mülltonne, ein Kranz aus Scheinwerfern, Musik und Hintergrundgeräusche. Mehr braucht es nicht, um das Publikum in die sagenumwobene, finstere Welt der Vampire zu entführen. Jedenfalls nicht für einen wie Neville Tranter. Nach "Frankenstein" und Adolf Hitlers "letzten Tagen im Führerbunker" nun also "Vampyr". Der gebürtige Australier mit Wohnsitz und Theater in Amsterdam schreckt vor keinem schweren Stoff zurück und bringt ihn mit so scheinbarer Leichtigkeit auf die Bühne, dass es einen auch ohne Blut und bleckende Zähne gruselt. Ein Meister des Puppenspiels, der, wenn schon nicht wie sonst den krönenden Abschluss, so doch immerhin einen der Höhepunkte des 23. internationalen Figurentheater Festivals in Husum bildete.
Die Geschichte: Der weltfremde Torvald verirrt sich mit Tochter Inger auf einen gottverlassenen Campingplatz irgendwo im Nirgendwo. Der dient Count Olaf, dem funkeläugigen omnipotenten Nosferatu, als willkommenes, weil letztes Reservat für frisches Blut. Olafs Sohn, dem kränklichen, melancholischen Romero, verlässt beim Anblick der schönen Inger hingegen glatt der überlebenswichtige Beiß-Instinkt. Dem Alten ist es recht, er wollte den Nachwuchs ohnehin nicht ranlassen. Ein despotischer Campingplatz-Besitzer und seine aus dem Polizeidienst auf die schiefe Bahn geratene rechte Hand komplettieren das Ensemble. Die Dinge nehmen ihren dramatischen Lauf, wobei der Puppen-Magier in der Rolle des gefallenen Erzengels Gabriel einmal mehr den Dreh- und Angelpunkt dieser skurrilen Schauerwelt bildet.
Doch wäre Tranter nicht Tranter, wenn er sein Publikum nur das Gruseln lehrte. Vielmehr nutzt er den Stoff, zu dem ihn die Lektüre einer Hans-Christian-Andersen-Biografie animierte, für einen seiner spektakulären Husarenritte auf dem Feld der Psychologie. Wie in dem Irrenhaus-Epos "Room 5" präsentiert Tranter seine Figuren im Netzwerk ihrer psychologischen Verstrickungen, setzt sie (mit Biss, aber immer auch mit einem menschen- und vampirfreundlichen Augenzwinkern) mit all ihren Verwerfungen, Ängsten und Obsessionen in Szene. Dabei müssen die Protagonisten auch noch ohne Unterbau (ohne Beine) auf"treten". Die sind auch gar nicht nötig, noch nicht einmal, um daran zu hängen, denn die Fäden zieht eh ein anderer. Puppentheater at it's best.
Rüdiger Otto von Brocken