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Das verräterische Herz Theater Waidspeicher, Erfurt

"Wenn ein Geisteskranker völlig normal erscheint, ist es höchste Zeit, ihm eine Zwangsjacke anzuziehen." Diese These ist es, die Dr. Terr nicht nur seinen vermeintlichen Patienten kundtut, sondern die er selbst bereits verinnerlicht hat. Damit zeichnet sich schon gleich zu Beginn ein Wahnsinnsende ab, denn auch er hat seine Tick.
Der, nennen wir ihn Psychotherapeut, beschäftigt sich mit drei Patienten. Jeder hat seine eigene Geschichte, seinen persönlichen Wahn, seine ganz spezielle Lebenswelt. Der eine leidet darunter, ein verkanntes Verkaufsgenie zu sein, der andere bekommt Panikatacken bei dem Gedanken, lebendig begraben zu werden und der dritte versteckt sich in einem Karton, in dem er sein Dasein als Huhn fristet.
Dr. Terr bezeichnet sich bei seiner Therapie als Vertreter der sanften Methode. Die Patienten werden mit ihren Wahnvorstellungen nicht nur akzeptiert, sondern auch darin bestärkt. Mit dieser Methode, so beteuert er dem Publikum, habe er schon bemerkenswerte Erfolge erzielt.
Doch schon bald spürt man die persönliche Gespaltenheit des Therapeuten. Gerade geht er noch geduldig auf die Ängste seiner Patienten ein, um dann für einen kurzen Augenblick aus dieser Ruhe auszubrechen, auf den Holzkopf der geliebten Figur vehement einzuhämmern um sie dann sofort im Anschluss daran mit einem liebevollen Kuss den Schmerz vergessen zu machen.
Und damit eröffnet er den Reigen seiner eigenen Schizophrenie: Im Gespräch mit seiner imaginären Sekretärin vergisst er seinen eigenen Namen, beim ausdrucksstarken Vortrag eines Gedichtes verlässt er die Rolle des Patienten und übernimmt selbst leidenschaftlich den Monolog, mit beeindruckender Echtheit imitiert er Faxgerät und Kaffeemaschine. Sein Spiel, denn von Therapie ist nun schon nicht mehr die Rede, endet mit dem Mord an diesem von ihm ungeliebten Wesen mit Adlerauge und getrübtem Häutchen. Selbst die Täuschung des Polizisten ist nur noch eine Nachwehe dieses nun offenliegenden Krankheitsbildes: Dr. Terr als Handpuppe, anfangs als möglicher Wahn erwähnt, durchgängig durch die Holzhand vergegenwärtigt.
Selbstvergessen wiegt sich Dr. Terr mit dem verkannten Verkaufsgenie nach der Musik von Tom Waits. Er verlässt die Bühne mit dem Huhn.

Ein packender Abend mit einem überzeugenden Darsteller, der übergangslos seine teils lebensgroßen, teils morbiden, teils nicht vorhandenen Figuren im Wechsel mit der Rolle seiner eigenen Person in Szene zu setzen verstand.