Mathilde

Stuffed Puppet Theatre

Ein Altenheim am Ende der Welt, ein profitgieriger Direktor und die sogenannten Patienten, die nur ihr erbärmliches Dasein fristen, nichts anderes tun, als auf ihren Tod zu warten.

Die Klappmaulfiguren, alte, verbrauchte Gesichter, im Spiel mit Tranter manifestiert sich das Leid und die Tragik des Alterns; Krankheit, Demenz, Starrsinn – alles scheint ausweg- und hilflos. Jedes Zittern der Figuren wird zu einer stummen Explosion, das Zagen der Figuren als Transformation in den Zuschauerraum. Es verbreitet sich eine Traurigkeit, die kaum zu ertragen ist. In einem Theater ist es gemeinhin leise und ruhig – hier ist es totenstill, als hielte jedermann den Atem an.  Es ist auch ein gnadenloser Akt spielerischer Qualität, der Fiktion zur Realität werden lässt denn emotionaler lässt sich das Stück nicht vortragen; gleichwohl, aller Nähe und Empathie zum Trotz, kippt das Stück nie ins Rührselige.

Mathilde ist 102 Jahre alt, auch ihr Leben hier gleicht einem Kraftakt, versinnbildlicht durch die Reckstange an der sie hängt, an der sie ihre Klimmzüge macht und sich abstrampelt, mühevoll und anstrengend; die Zuschauer kommen bereits außer Atem; ein ewig währender Kampf gegen das Altern, Vergessen und Überleben wollen, überleben auf ihr Ziel, ihren Geliebten aus jungen Jahren, Jean Michel, ein einziges mal wieder zu sehen.

Ein letzter Akt: Mathilde erkennt in ihrem Spieler ihre große Liebe wieder und in einem nur angedeuteten, gleichwohl berührenden Tanz, stirbt sie in seinen Armen, den ihrigen ausgestreckt, dem Himmel zugewandt. Jetzt, für wenige Momente schafft es Neville Tranter Mathilde und damit gleichermaßen allen Alten ihre Würde und Menschlichkeit zurück zu geben.

Ein großartiger Schluss, ein großartiger Abend.

Torsten Zajwert