Fobi

Eva Sotriffer & Max Castlunger, Südtirol

Es gibt Geschichten, die müssen einfach erzählt werden. Die von Fobi gehört dazu. Fobi hat kein konkretes menschliches Vorbild und so kann er als ein Charakter gelten, mit dem sich „Fremdsein“ verbildlicht. Eigentlich ist Fobi mit seiner Glatze, der weißen Haut und seinen großen, vorstehenden Glubschaugen hässlich. Aber das vergisst man, wenn er seine wortlosen Kommentare zu Situationen abgibt: Zustimmung und Freude aber auch Ablehnung und Furcht kann dieses Figurengesicht widerspiegeln. Auch das Frauenpaar der Geschichte glänzt nicht durch Schönheit. Die sportliche Adelheid in ihrem Jogginganzug ist eine ganz normale Frau, die nicht nur mit ihren Pfunden kämpft, sondern auch mit Ängsten und Vorurteilen. Der Kontrast zu ihrer Freundin Rosa, die eher alternativ versponnen ist, könnte größer nicht sein. Doch: Halt! Fangen wir am Anfang an.
An irgendeinem Strand auf dieser Welt wird eine große grüne Tonne angeschwemmt. Möwen ziehen ihre Kreise, alles ist friedlich. Zwei Kinder spielen das, was Kinder auf der ganzen Welt spielen: Fangen, Verstecken und – Entdecken. Die neue Tonne auf ihrem Spielplatz muss natürlich gründlich untersucht werden. Da aber nichts Spannendes dabei herauskommt, verlieren sie das Interesse und spielen weiter Fangen und Verstecken.

Als sie fort sind, öffnet sich der Tonnendeckel sehr langsam, sehr vorsichtig. Ein weißer Kopf erscheint und nach und nach entsteigt Fobi der Tonne, setzt sich auf deren Rand und genießt Wind, Licht und Ruhe. Doch bevor er sich weiter umsehen kann, erscheint Adelheid auf ihrer täglichen Joggingrunde. Fobi zieht sich eilig in seine Tonne zurück. Er möchte (noch) nicht gesehen werden. Wie die Kinder zuvor entdeckt Adelheid die Tonne und macht sich so ihre Gedanken, was darin sein könnte. Als ihre Freundin Rosa die Szene betritt, steigert sie sich in Ängste über Ungeziefer, gar Ratten, hinein und möchte dringend die „Gesundheitspolizei“ informieren, damit diese die Tonne absperrt. Es soll ja niemand zu Schaden kommen. Und so geschieht es. Die beiden Herrschaften von der Gesundheitspolizei entsprechen dem Stereotyp eines sehr einfachen Gemüts. Sie gehen völlig in ihrer Wichtigkeit auf, dieses neue Objekt zu sichern. Rosa hat große Zweifel an der Richtigkeit dieses Tuns. Sie überwindet die Absperrungen und es gelingt ihr, Fobi aus seiner Tonne herauszulocken. Fobi und Rosa führen so etwas wie eine Unterhaltung, bei der herauskommt, dass Fobi durchaus nicht weiß, wie er Adelheid einzuschätzen hat. Ist sie ihm wohlgesonnen oder lehnt sie ihn ab? So verkriecht er sich wieder in seinem Versteck, als Adelheid auf ihrer Joggingrunde erneut erscheint. Und auch die beiden Gesundheitspolizisten kommen zurück, ebenso die beiden Kinder. Es dauert lange, ehe Fobi sich traut, wieder aus seiner Tonne herauszukommen. Rosa konnte inzwischen Adelheid überzeugen, dass sich nichts und niemand Gefährliches in der Tonne verbirgt. Im Gegenteil: es ist das (temporäre) Zuhause eines ängstlichen, vertriebenen Wesens auf der Suche nach einer besseren Welt. Und weil es eine Geschichte für Kinder ist, die gut ausgehen soll, überwinden alle Beteiligten ihre Ängste und Vorurteile. Sie entscheiden sich, gemeinsam ein großes Fest am Strand zu feiern, um Fobi willkommen zu heißen und sind fest entschlossen, mit ihm zusammen eine gute Zukunft zu gestalten.
Auch wenn die Geschichte ein wenig märchenhaft und sehr vereinfacht ist, führt sie doch sehr eindrücklich vor Augen, dass Neuankömmlinge keineswegs Feinde sein müssen, sondern mit ganz ähnlichen Ängsten vor Unbekanntem umzugehen haben, wie die, die nie aufbrechen mussten.
Das Stück entwickelte Eva Sotriffer lange vor den Flüchtlingsströmen des Jahres 2015 (siehe auch Rückblick auf die Pole Poppenspäler Tage 2012). Sie wollte mit der Strandsituation einen relativ neutralen Raum haben, etwas Typisches für Abreise und Ankommen. Die Realität mit den Tausenden Toten im Mittelmeer hat diesem Raum seine Neutralität genommen. Da die Künstlerin das Stück so nicht mehr spielen kann, hat sie sich entschlossen, die Inszenierung nach einer letzten Aufführung vor Schulklassen ins Poppenspäler Museum zu geben. Hier kann dann eine andere, museale Annäherung an das Thema stattfinden.